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Cebit in Hannover:Messe zweiter Klasse

Die Cebit ist die größte Computermesse weltweit - doch längst werden die Trends anderswo präsentiert. Höchste Zeit, dass die Veranstaltung runderneuert wird.

Thorsten Riedl

Nachrichten aus einer anderen Welt: Kunden von T-Online protestieren, weil ihr Anbieter den Pauschaltarif zum Surfen via ISDN abgeschaltet hat. Kanzler Gerhard Schröder will ausländische IT-Fachkräfte anwerben. Und zwei finnische Firmen, die es nicht mehr gibt, stellen ein Handy vor, das dank Satellitennavigation stets um seinen Standort weiß - heute hat so eines fast jeder in der Tasche.

Die Cebit als "Impulsgeber für die Branche", gegen das "aktuelle Stimmungstief an den Börsen", so sah damals die Messeleitung die weltweit größte Computerschau. Neun Jahre ist das her. 830.000 Besucher kamen, 8100 Aussteller. Rekord. Doch das ist Vergangenheit.

Als Leistungsschau der Informationstechnik (IT)- und Telekommunikationsindustrie hat die Deutsche Messe AG ihre Cebit gern dargestellt. Die Ausstellung nahm eine stürmische Entwicklung, ähnlich wie die junge IT-Industrie. In Halle 1 der Hannover-Messe zeigten 1970 erste Firmen ihr Können, im "Centrum der Büro- und Informationstechnik", kurz: Cebit.

Höchstes Zweitverwerter

Seit 1986 findet die Ausstellung getrennt von der Industriemesse statt. Weitere 15 Jahre später das Rekordjahr. Nirgends sehnt man sich nach diesen Zeiten zurück wie in Hannover, allein schon wegen der Bedeutung damals. Doch die Messeleitung hat die Weichen falsch gestellt: Die Cebit ist kein Branchenbarometer mehr und wird auch nie mehr eines sein.

Viele Firmen verzichten schadlos auf die Messe. Sie erreichen Kunden über andere Kanäle, mit eigenen Shows oder bei Spezialausstellungen in Barcelona oder Las Vegas. Dort sind die angesagten Neuheiten aus dem Handy- beziehungsweise dem Unterhaltungssektor zu sehen.

Für Hannover kommt höchstens die Zweitverwertung in Frage. Der Cebit bleiben "nur" Themen der Geschäftsklientel, also Produkte, die nicht massentauglich sind. Die Bedeutung der Messe wird in der Folge weiter schwinden. Die Cebit-Leitung muss das endlich einsehen und entsprechend handeln.

Wie die Cebit wieder attraktiv wird

Wie konnte es bloß so weit kommen? Der größte Fehler der Messe in Hannover war ihr Schlingerkurs, der die Ausstellung für viele unberechenbar gemacht hat. Seit Jahren ist sich die Messeleitung nicht im Klaren darüber, ob sie die Verbraucher auf der Cebit haben will oder nicht.

Vor zwei Jahren wurde verkündet, ab sofort nur noch für Firmenkunden da zu sein und denen ein Arbeitsumfeld zu bieten, ohne die Tütenträger, die nach Werbegeschenken und Aufklebern fragen. In diesem Jahr schon die Kehrtwende, zumindest im Kleinen.

So findet erstmals im Rahmen der Cebit eine Sonderschau Musik statt. Warum um Himmels Willen ausgerechnet Musik? Wieso dann nicht auch eine Cebit für Bücher oder Filme? Auch diese Medien werden nun digitalisiert, also computertauglich gemacht. Für die Sonderschau spricht allein, dass die Musikmesse Popkomm ausfällt. Der Lohn für diese Flatterhaftigkeit der Messe-Oberen: Die Aussteller sind verwirrt. Es kommen so wenige wie zuletzt vor 20 Jahren.

Den Nachwuchs vergrault

Vergrault hat die Messeleitung auch den Nachwuchs: Das Thema Internet findet auf der Cebit kaum statt. In Hannover hat man es verpasst, diesem aufregendsten Bereich der IT-Branche eine Plattform zu bieten.

Es gibt wirklich keinen Grund für Internetfirmen, vor Ort zu sein. Ihr Produkt ist täglich 24 Stunden zu besichtigen. Per Mausklick. Es gibt zwar eine Halle zum Thema - bestückt mit der zweiten Garde des Netzes. So lässt sich auch die Jugend nicht für eine Branche begeistern, die chronisch unter Nachwuchsmangel leidet.

Die Cebit-Verantwortlichen sollten sich klar auf den Bereich festlegen, in dem sie Stärke zeigen: bei Geschäftskunden. Dann müsste die Messeleitung aber auch akzeptieren, dass hier Produkte schwer zu inszenieren sind. Betriebswirtschaftliche Standardsoftware ist so sexy wie es klingt.

Klar ist auch: Die Zahl der Besucher würde weiter sinken. Mit einer Messe für Geschäftskunden könnte Hannover aber wieder Leitmesse in der Welt werden. Mit dem Schlingerkurs wird die Cebit das gleiche Schicksal ereilen wie die Münchner IT-Messe Systems - und selbst bald nur noch Technikgeschichte sein.

© SZ vom 01.03.2010/joku

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