Uni Eichstätt Die kopflose Hochschule

An der Uni Eichstätt liegen die Nerven blank: Die Professoren bangen um die Wissenschaftsfreiheit, der Bischof wiegelt ab - und Wissenschaftsminister Goppel will sich nicht einmischen.

Von Christine Burtscheidt

Wochenlang hatte Bischof Gregor Maria Hanke geschwiegen. Doch heute will er reden. In einem Brief hat er sich an die Lehrenden und Studierenden der katholischen Universität Eichstätt gewandt und ihnen versichert, dass die Freiheit von Forschung und Lehre garantiert sei.

Ungewisse Zukunft: Die katholische Universität in Eichstätt

(Foto: Foto: dpa)

Jetzt sitzt er aufgeräumt im ersten Stock des Schönborn-Palais auf einem blauen Barockstuhl und sagt: "Die Universität hat nur eine Zukunft: An der Seite des Trägers." Bischof Hanke ist der Großkanzler der Hochschule und damit für ihr Wohl und Wehe zuständig.

Doch das Bild des wohlmeinenden Beschützers mag zurzeit so gar nicht passen. Denn die Krise der Hochschule hat der Bischof selbst ausgelöst, als er sich dem Votum der Universität widersetzte und den Regensburger Religionspädagogen Ulrich Hemel nicht ins Präsidentenamt berief.

Das ist vier Wochen her. Über die Gründe sagt er heute: "Ich habe sein Curriculum und seine Schriften studiert. Mich hat der Kandidat nicht überzeugt."

Kein Zerwürfnis, aber Differenzen

Einen Steinwurf entfernt sitzt zum selben Zeitpunkt Stefan Schieren in seinem Zimmer in der Sommerresidenz, dem Hauptgebäude der Hochschule. Die letzten Wochen haben Spuren in seinem Gesicht hinterlassen.

Er ist blass und wirkt sichtlich angespannt. Seit 1. April leitet er die Universität kommissarisch. Heute muss er mit seinem Senat eine Lösung finden, wie es weitergehen soll.

Am vergangenen Samstag hat Schieren den Bischof gebeten, ihn zum 30. Juni von den Aufgaben der Hochschulleitung zu entbinden - die Last der Verantwortung sei zu groß. Jetzt sagt er: "Es gibt kein Zerwürfnis zwischen mir und dem Bischof."

Dennoch gab es Differenzen. Schieren wollte zur Entlastung einen Vizepräsidenten von der Hochschule wählen lassen. Dahinter stand auch die Idee, die Leitung in diesen schwierigen Zeiten demokratisch legitimieren zu lassen. Nach der Grundordnung der Hochschule hätte das längst geschehen müssen.

Doch Bischof Hanke lehnte ab. Damit würde man einem künftigen Präsidenten unnötig Vorgaben machen, sagt er. Nun will der Bischof für die Übergangszeit einen "Externen" finden, wie er sagt.

"Eichstätter Gegenreformation"

Das werten Professoren als endgültigen Beweis dafür, dass es der Kirche nur um eine stärkere Einflussnahme geht. Dagegen will man sich wehren, weshalb der Senat dem Träger deutlich machen will, dass man nur mit einer Leitung einverstanden ist, die unmittelbar aus der Hochschule kommt.

Die Demontage der einzigen katholischen Universität im deutschsprachigen Raum setzt sich an diesem Tag fort. Während sich Wissenschaftsminister Thomas Goppel mit einem "Ich mische mich nicht ein" aus der Affäre zieht, klagen viele Professoren die Kirche an.

Vom "Eingriff in die Autonomie", einer "Beschädigung der Wissenschaft" sowie der "Eichstätter Gegenreformation" ist die Rede. Manch einer ist zu einer "schärferen Diktion gegenüber dem Träger" entschlossen. Mit seinem Namen will sich keiner zitieren lassen - man fürchtet persönliche Konsequenzen, am Fall Hemel sehe man ja, wozu die Kirche fähig sei.

Ihren Ausgang nahm die Krise im Januar. Als die Hochschule den Regensburger Religionspädagogen und Betriebswirt Ulrich Hemel zum Präsidenten der Universität und Nachfolger von Ruprecht Wimmer wählte.

Die Amtsübergabe sollte am 1. April stattfinden. Allein aus dem Vatikan kam keine Unbedenklichkeitserklärung. Daran änderte sich auch nichts bis zum 23. April, dem Tag, an dem die Uni Hemel mit einem Festakt willkommen heißen wollte.

Eigenes Versagen

Die Einladungskarten waren schon verschickt, als Gerüchte kursierten, es gebe in der Kirche Vorbehalte gegen ihn. Hemel lebt in dritter Ehe und gilt als Papstkritiker. Daran nahmen angeblich einige bayerische Bischöfe Anstoß.

Am 8. Mai teilte schließlich Bischof Hanke Hemel persönlich mit, ihn nicht zu berufen, weil eine Vertrauensbasis für die Zusammenarbeit fehle. Heute fügt er hinzu: "Der Präsident hat schließlich eine wichtige innerkirchliche Funktion." Sein spätes Handeln erklärt er damit, dass die Grundordnung der Hochschule nur ein Vetorecht für ihn vorsehe.

An der Auswahl der Kandidaten sei er nicht beteiligt gewesen. "Ich wurde zuvor von der Universitätsadministration ausgegrenzt." Doch gerade solche Äußerungen werden an der Universität in Zweifel gezogen: "Der Bischof will nur von seinem eigenen Versagen ablenken", heißt es.

Die Studenten waren die ersten, die Widerworte gegen die Kirche wagten. "Wir machen uns große Sorgen über die nahe Zukunft der KU", sagte die Konventsvorsitzende, Jessica Weppler bei der offiziellen Verabschiedung Wimmers.

Schärfer wurde die Tonlage nach Hankes Veto. In einem offenen Brief Ende Mai nannte der studentische Konvent die Gründe für Hemels Nichternennung "intransparent und nicht zumutbar".

"Diktatur Vatikan"

Einmal mehr werde der Eindruck vermittelt, dass durch das kirchliche Veto "über uns, nicht mit uns" entschieden worden sei, hieß es. Wenige Wochen später war der ganze Campus mit Transparenten dekoriert. "Diktatur Vatikan?!" war darauf zu lesen. Verantwortlich zeichnete eine anonyme Gruppe. Ihr eigenwillige Vorgehen ärgert bis heute den Konvent.

"Es ist ja gut, wenn sich Studenten artikulieren. Aber solange sie anonym bleiben, kann man keinen Dialog führen", sagt Jessica Weppler. Überhaupt hat sie ihre Kritik inzwischen abgemildert. "Die Kirche hat uns nicht mit Absicht in die Sache hineingeritten", sagt sie. Die Situation sei nicht leicht, doch die Uni werde aus der misslichen Lage wieder herausfinden. "Aufgebauscht" nennt sie den Vorwurf, die Kirche verletze die Wissenschaftsfreiheit.

An diesem Tag ist es den Studenten nicht wichtig, über die Zukunft ihrer Universität und über deren inzwischen arg ramponierten Ruf zu diskutieren. Während die Professoren im Senat sorgenvoll beraten, wie es weitergehen soll in Eichstätt, widmen sich die jungen Leute anderen Dingen: Der Saal bei der Vollversammlung am Mittwoch ist gerade mal halb voll. Es geht um die Verwendung der Erlöse aus den Studiengebühren und um die Hochschulwahlen. Aber nicht um die künftige Leitung der Universität.

"Es liegen klare Eingriffe in die Autonomie vor", sagt der noch amtierende Senatsvorsitzende Maximilian Fuchs. "Die Nerven liegen blank." Er kündigte bereits vor einer Woche seinen Rücktritt an. Wie Schieren führt der Jurist "berufliche und persönliche Gründe" an. Kollegen deuten den Schritt aber als Zeichen des Protests.

Fuchs war an Hemels Auswahl beteiligt. Bis heute hält er ihn für einen "qualifizierten Kandidaten" und seine Nichternennung für einen Verstoß gegen die Wissenschaftsfreiheit. "Wir müssen zusehen, dass wir unsere Selbstverwaltung wiederfinden", sagt er.