Tölzer Knabenchor Eine Reise ins Ungewisse

Wenn man erlebt hat, wie Schmidt-Gaden seine Solisten für die zweite Aufführung wieder in Hochform brachte, wie er mit Engelsgeduld kleine und große Sekunden fixieren ließ, die Kinder nebenbei ausrechnen mussten, wie groß das syntonische Komma an dieser Stelle sei - das wissen die meisten Profimusiker nicht -, dann konnte man nur staunen über ein auch im Erwachsenenvergleich schier unglaublich hohes Kompetenzniveau.

Nebenbei und quasi halbbewusst lernten die Kinder, dass das modern gestimmte Klavier nicht immer Recht hat, dass es bei Bach falsch klingt und die eigene Intonation unabhängig davon gefunden werden muss: dass letztlich die Maschine dem Menschen untergeordnet sei. Psychologisch genau werden Lob und Tadel dosiert, immer wieder trainiert Schmidt-Gaden die Registerübergänge, so lange, bis es keinerlei Unsicherheiten mehr gibt, und am Ende tatsächlich vier wie neugeborene Solisten dastehen.

Für viele Zuhörer spielt dies nicht die Hauptrolle, aber das heißt auch, dass die am schwierigsten erarbeiteten Leistungen, die sonst kein Chor bringt, nur selten gewürdigt werden. Mit dem Kammerchor, der aus lauter solchen Solisten besteht, verhält es sich ähnlich.

Nachfolger steht bereit

Wo manche Chöre nach einem Jahr Vorbereitung mit zwei Mannschaftsbussen anreisen, um dann mit verhauchten Stimmen die Choräle im Weihnachtsoratorium zu bestreiten, da stehen im anderen Fall nicht einmal 30 Tölzer und bedienen die ganze dynamische Bandbreite, vom Pianissimo bis zum Forte, alles klar artikuliert und sinnvoll strukturiert.

Schmidt-Gaden muss da nicht, wie es seit ein paar Jahren in Mode gekommen ist, die Choräle mit inhaltlichen und sonstigen "Interpretationen" verfremden, um Wirkung zu erzeugen. Bach hat das schon wirkungsvoll komponiert, man muss nicht ihn, sondern nur die ausführenden Stimmen verbessern.

Aber, wo wenig Werbung ist, ist auch kaum Ruhm und noch weniger: dringend benötigte Sponsoren. Fünf Konzerte mit drei verschiedenen Programmen innerhalb einer Woche sind zwar eine reife Leistung, aber Konzertmitschnitte gab es auch diesmal nicht - die besten Aufführungen verpufften im Lauf der Jahre, und wie es aussieht, geht in diesen Wochen eine ganze Ära zu Ende.

Sie begann mit der Gründung des Chores 1956, erreichte in den siebziger Jahren mit einigen spektakulären Aufnahmen - auch mit Leonhard und Harnoncourt - erste internationale Höhepunkte inklusive einer Grammy-Nominierung, und das Niveau hielt - mit Schwankungen - bis heute.

Doch nun steht die Wende an: In diesem Jahr soll der Tölzer Knabenchor eine Stiftung werden Ralf Ludewig (siehe rechte Spalte) neuer Chorchef. Einfach wird das nicht, denn die Qualität des Chores hing an Schmidt-Gadens außerordentlicher Kompetenz in Sachen Stimmbildung, kombiniert mit pädagogischem Geschick. Letzteres zumindest scheint auch seinem Nachfolger gegeben.