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Schweinfurt: Schülerin erstochen:Abseits des Weges

Weil sie den "muslimischen Weg" nicht mitgehen wollte: Nach der Bluttat an seiner Tochter wollen die Ermittler klären, ob Mehmet Ö. Kontakt zu Fundamentalisten pflegte.

An der Tür des Feinkostladens von Mehmet Ö. hängt ein Schild, das die Widersprüche des Ladeninhabers zumindest anzudeuten vermag. Neben einem Plakat, das für eine Veranstaltung des Vereins Christlicher Junger Männer wirbt, gibt Ö. die Nummer seines Mobiltelefons preis. Unter normalen Umständen wäre das nichts Außergewöhnliches. Hätte nicht der 45 Jahre alte Ö. gestanden, in der Nacht zum Mittwoch seine 15 Jahre alte Tochter erstochen zu haben, während diese schlief. Und hätte er nicht als Begründung angegeben, dass es auch die Telefonate der Gymnasiastin mit ihrem Handy gewesen sein sollen, die ihn zu seiner Tat veranlasst hätten.

Schweinfurt trauert um die 15 Jahre alte Büsra Ö. Die Gymnasiastin wurde in der Nacht zum Mittwoch von ihrem Vater erstochen. Mehmet Ö., der einen Laden für Feinkost und Döner in Schweinfurt betrieben hat, hat in einem Geständnis angegeben, er habe seine Tochter getötet, weil diese den "muslimischen Weg" nicht habe mitgehen wollen.

(Foto: Foto: ddp)

Ein solches Gespräch soll Auslöser der Bluttat gewesen sein. Die Gymnasiastin Büsra hatte abends mit einem Freund telefoniert, einem jungen Mann mit türkischen Wurzeln, den sie wenige Wochen zuvor kennengelernt hatte.

Vater und Tochter sollen oft heftig miteinander gestritten haben - wegen Büsras Art, moderne Kulturtechniken zu nutzen. Sie telefonierte, sie chattete im Internet, und sie tippte kurze Mitteilungen in ihr Handy. An diesem Abend stritt man wieder miteinander. Büsra verließ schließlich die Wohnung. Ein Stockwerk stieg sie die Treppe des Mehrfamilienhauses hinunter zur Wohnung ihrer Großmutter. Dort las sie noch im Koran, die Schülerin galt als stolze und gläubige Muslima. Danach legte sich Büsra zum Schlafen auf das Sofa ihrer Oma.

Wenn es stimmt, was die Verwandten im Haus berichten, dann soll sich auch Mehmet Ö. nach dem Streit auf ein Sofa gelegt haben. Gegen 3 Uhr weckte ihn seine Gattin mit der Bitte, er möge im Bett weiterschlafen. Daraufhin soll der Vater die Treppe hinabgestiegen sein und seine Tochter mit einem Küchenmesser erstochen haben. Sie habe den "muslimischen Weg" nicht mitgehen wollen, hat er später den Ermittlern gesagt. Er sei eingeschritten, ehe seine Tochter sich weiter von diesem Weg entferne. Die Staatsanwaltschaft spricht von einer Tat, die wie ein "prophylaktischer Akt" wirke.

Orhan Duvan steht unter Schock. Der Vorsitzende des Ditib, des größten islamischen Vereins in Schweinfurt, hat nach der Tat Stellung bezogen. Ein Mann habe mit einer "Wahnsinnstat" die Integrationsarbeit von Jahren zerstört, hat er gesagt. In der Industriestadt in Unterfranken leben 3000 Türken, sie gehören dort zum Stadtbild wie kaum in einer anderen bayerischen Kommune. Seit auch türkische Medien tagelang aus Schweinfurt berichtet haben, will Duvan das Gesagte nicht wiederholen. Wenn ein christlicher Familienvater eine so unfassbare Tat begehe, dann "steht das zwei Tage lang in der Zeitung", sagt Duvan. Er frage sich: "Wo ist denn der Unterschied?"

Sema Kuzucu arbeitet als Integrationsberaterin für das Internationale Islamische Forum in Würzburg. Sie kennt die Mutter von Büsra seit der gemeinsamen Zeit in einer Schweinfurter Schule. Sie berichtet, wie der Vater seine Tochter in die Schule gebracht, wie er ihr oft die Tasche getragen habe. Die ihn kennen, sagt Sema Kuzucu, hätten diesen Mann stets als "einen besonders liebenswerten" Vater erleben dürfen. Dass ein Vater Probleme mit der "Erziehung seiner pubertierenden Tochter" bekomme, das sei kein "islamisches oder türkisches" Phänomen, sagt Frau Kuzucu. Psychische Probleme von Mehmet Ö. sollen in der Verwandtschaft bekannt gewesen sein.

Man werde diesen Hinweisen nachgehen, erklärt die Staatsanwaltschaft in Schweinfurt. Nachgehen will man aber auch der Frage, ob Mehmet Ö. Kontakt zu religiösen Fundamentalisten pflegte. Der 45-Jährige soll strenggläubig sein und die Freitagsandacht in der Moschee von Milli Görüs verbracht haben. Die Religionsgemeinschaft wird regelmäßig im bayerischen Verfassungsschutzbericht aufgeführt, unter den islamistischen Gruppierungen. In Schweinfurt, so berichten es die Verfassungsschützer, hat sich die Islamische Gesellschaft vor mehr als 20 Jahren gegründet - "Schwierigkeiten" aber seien in dieser Zeit noch nie zu beklagen gewesen. Nach SZ-Informationen tauchte Ö. in den Akten der Verfassungsschützer bislang nicht auf.

Büsra ist am Wochenende in einer Stadt südlich von Istanbul beerdigt worden. Die Familie hat angekündigt, dauerhaft in die Türkei zurückkehren zu wollen. Auch dort habe die Tat von Ö. große Bestürzung ausgelöst, berichtet Akif Aksit, Religionsattaché des türkischen Generalkonsulats. Er warne aber vor voreiligen Schlüssen. Dass Ö. angegeben hat, seine Tochter habe den "muslimischen Weg" nicht mitgehen wollen, sei noch kein "zwingender Hinweis auf einen religiösen Hintergrund", sagt Aksit.