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Renaissance der Dorfläden:Discounter mit dörflichem Charakter

"Wir wollen nicht, dass sich hier ein Supermarkt ansiedelt", sagt Josef Taffertshofer mit Nachdruck. Der Biomilchbauer ist seit zwölf Jahren Bürgermeister von Wildsteig, einer 1300-Einwohner-Gemeinde mit 19 Ortsteilen, Weilern und Einöden verstreut auf 47 Quadratkilometern, rund eine halbe Stunde von Habach entfernt. Einen Supermarkt gab es hier noch nie, bis zum nächsten Discounter sind es mindestens zehn Kilometer. "Aber hier ist die Welt noch heil, die Familienverbünde intakt", sagt Taffertshofer.

Die Gemeinde will keinen Supermarkt, weil sie befürchtet, dass dann Bäckerei und Metzgerei zumachen - und falls der Markt schließt, die Probleme noch größer wären. "Der Gemeinderat hat sich ausführlich mit der Nahversorgung auseinandergesetzt - momentan sind wir gut gerüstet", sagt Taffertshofer. Das bedeutet: Es gibt die Metzgerei Schuster und die Bäckerei Berghammer, die gleichzeitig ein winziger Tante-Emma-Laden ist, und alles verkauft vom Klopapier bis zum Kugelschreiber. "Vollsortiment", sagt Taffertshofer stolz. Wenn auch im Kleinformat.

Dorfladen Habach

Im Dorfladen Habach werden viele Produkte aus der Region angeboten.

(Foto: Manfred Neubauer)

"Vollsortiment" sagt auch Wilhelm Fischer im Allgäu und zeigt auf prall gefüllte Regale, Kühltheken, Warenstände. In seinem Fall bezeichnet der Begriff eine andere Größenordnung: Der Dorfladen "Weichbergmarkt" in Rettenbach am Auerberg sieht aus wie ein Supermarkt. "7500 Produkte. Wir geben den Leuten das Gefühl, in einem Discounter zu sein, mit dörflichem Charakter", sagt Fischer. Er ist seit 20 Jahren Bürgermeister, und als erste Amtshandlung setzte er sich dafür ein, dass das 1978 eingemeindete Rettenbach selbständig wurde.

Das Konzept geht auf

"Gallisches Dorf" nennen die Bürgermeister der Nachbargemeinden Rettenbach seither, den Bürgermeister anerkennend einen "wilden Hund". Auch beim Dorfladen war er treibende Kraft: "Der Bau war umstritten, aber wir haben uns im Gemeinderat knapp dafür entschieden", sagt Fischer. Die entscheidende Stimme war seine, den Bau hat er mit seiner Frau entworfen. "Wir hatten zwei Möglichkeiten: Hände in den Schoß legen und warten, bis Metzger und Bäcker aufhören - oder es probieren."

Das Konzept mit Markt, Café und Verkauf regionaler und internationaler Produkte ging auf: Anfangs machten sie 330 000 Euro Umsatz - "inzwischen kratzen wir an der Million." Seither bekommt Rettenbach Besuch aus ganz Deutschland. Der Bürgermeister war kürzlich in Japan. Dort wollen die Stadtplaner mit dem Dorfladen-Konzept die ausblutenden ländlichen Regionen retten, "mit Rettenbach als Vorbild". Das Einkaufsgleichgewicht in Rettenbach funktioniert: Der Bäcker gegenüber macht inzwischen mehr Umsatz, weil Einkäufer aus den Nachbargemeinden zum Weichbergmarkt kommen und bei ihm Brot mitnehmen. Das Holzgebäude ist ein Treffpunkt: "Viele ältere Kunden kommen fünf Mal am Tag", sagt Fischer. "Unser Laden ist ein Lebens-Mittel-Punkt."