Oberösterreich Der Berg rutscht

Bis zu vier Meter am Tag bewegt sich eine Schlammlawine auf den Ort Gmunden im Salzburgerland zu.

Von Julius Müller-Meiningen

Sie warten alle auf den Berg. Der Bürgermeister Heinz Köppl, der Chefgeologe Peter Baumgartner, die Männer von der Feuerwehr, die Geometer, die Waldarbeiter und vor allem die Hundert Gmundener Bürger aus der Traunsteinstraße unten am See.

Ein Spaziergänger hat das Verschwinden der Forststraße vor gut einer Woche bemerkt und Alarm geschlagen. Seitdem leben viele Bewohner der Ortschaft Gmund in Angst.

(Foto: Foto: AP)

Vor einer Woche wurden sie aus ihren 55 Häusern evakuiert, weil der Berg plötzlich begonnen hat zu rutschen. Mitten in der Nacht hat man sie aus den Betten geholt und in ein nahegelegenes Hotel gebracht. Da schlafen die meisten bis heute. Der Berg bewegt sich immer noch, aber herunter gekommen bis zum See ist er nicht. Und keiner weiß, ob die Leute aus der Traunsteinstraße je wieder in ihre Häuser zurückkehren können.

Am Donnerstag bei der Gebetsstunde in der überfüllten Kapuzinerkirche haben sie alle zusammen gebetet. Der Chefgeologe Baumgartner, der für die Vermessungen und Bohrungen im gesperrten Katastrophengebiet verantwortlich ist und auf der täglichen Pressekonferenz in der Garage der Freiwilligen Feuerwehr als einziger im Anzug erscheint, hat auf seiner Gitarre gespielt.

"Die sitzen eben nicht nur in ihrem Kammerl und rechnen", sagt Charly Kochem. Er arbeitet für die Gemeinde und führt die Leute von der Presse hinauf auf den Berg, damit sie sehen können, was hier in Oberösterreich, auf halbem Weg zwischen Salzburg und Linz, eigentlich passiert ist.

Fünf Minuten geht es mit dem Auto vom Traunseeufer die Forststraße steil den Hang hinauf. Rechts erhebt sich das bedrohliche Traunsteinmassiv aus Kalkstein und links der sanftere Grünberg. Dazwischen liegt der Gschliergraben. 1,5 Millionen Kubikmeter Erde sind dort in Bewegung, seit der Eiszeit.

Lange war alles ruhig. Kochem steigt aus und watet zu Fuß durch den Schlamm, es hat viel geregnet. "Da vorn", sagt er und deutet in den Wald, "das war die Forststraße". Jetzt sieht man nur ein Durcheinander aus Bäumen und Schlamm und verschobenen Erdschollen, in denen Bäume im rechten Winkel zur Oberfläche stecken. Waldarbeiter holzen Stämme ab und versuchen, Wasser abzuleiten, das sich gestaut hat.

Ein Spaziergänger hat das Verschwinden der Forststraße vor gut einer Woche bemerkt und Alarm geschlagen. Die unterirdischen Bewegungen haben sich inzwischen anscheinend beruhigt, das haben Tiefenbohrungen und geophysikalische Vermessungen ergeben.

Aber an der Oberfläche hat sich die Masse zuletzt bis zu vier Meter am Tag nach vorne geschoben. Was das für die Gmundener am See bedeutet, ist zu sehen, wenn man wieder ans Wasser hinunter und die Traunsteinstraße Richtung Ortsmitte zurückläuft.

Tagsüber dürfen die Bewohner zu ihren Häusern

Vor der Villa mit der Hausnummer 311a liegen zwei ungeöffnete Briefe und ein paar vom Regen durchweichte Anzeigenblätter. Ein Schreiben der Gemeinde ist mit Tesafilm an die Tür geklebt. "Das Abrutschen des Hanges ist nicht ausgeschlossen, Maßnahmen zur Eigenversorgung (Verpflegung) sind selbständig zu treffen", steht darauf geschrieben. Die Straße ist gesperrt.

Tagsüber dürfen die Anwohner zu ihren Häusern, aber manche kommen gar nicht mehr. Die Möslingers und die Holzingers leben seit Generationen an diesem schönen Flecken mit Blick auf den See und die Berge im Salzburger Land. "Little Monaco" nennt Charly Kochem seine Stadt, wegen des südlichen Flairs. Das ganze Jahr über kommen die Touristen in das Städtchen mit seinen knapp 15.000 Einwohnern, weil es hier so hübsch ist.

Auf der Traunsteinstraße steht der 40-jährige Neffe des alten Möslinger vor seinem Haus und trinkt mit drei Geome-tern, die vermessen sollen, ob sich die Gebäude bewegen, ein Glas selbst gemach-ten Zwetschgenschnaps. "Ich hab keine Angst", sagt er. Und gehen will er erst, wenn Risse in den Mauern auftauchen. Die gibt es bislang nicht.

Nebenan, vor der ehemaligen Gipsmühle, am Haus mit der Nummer 279, steht ein weißer Möbeltransporter. Ein junger Mann lädt Kisten ein. "Wir bringen alles Bewegliche weg", sagt er und deutet mit den Händen auf seinen Bauch. "Ich hab so ein Gefühl. Aber sehen sie selbst." Er führt hinter das Haus und zeigt auf den Hang. Alles scheint ganz friedlich.

Die grasbewachsenen Hügel, die sich beim letzten großen Bergrutsch vor knapp dreihundert Jahren gebildet haben, liegen sanft da. Sieht man aber genau hin, dann ist es, als verschluckten sie die kleinen, in ihre Ausläufer gebauten Hütten. Den Stein, den der Mann immer wieder in die alte Mauer hinterm Haus einsetzt, fällt jedes Mal aufs Neue heraus. "Hier bewegt sich alles", sagt er. Dann lädt er wieder Kisten ein.

Alles hängt in Gmunden von der Erde ab. Die Geologen bohren, die Geometer messen und die Bürger warten auf Nachrichten aus der Garage der Gmundener Feuerwehr. "Wir haben eine ganz große Hoffnung", sagt Bürgermeister Köppl. Am Freitag sollen neue Ergebnisse aus dem Gschliergraben vorliegen. Dann wollen sie entscheiden, wie es weitergeht.