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Milchpreise:Verzweiflung im Stall

Nur noch etwa 20 Cent je Liter - die Milchbauern hoffen auf höhere Preise und kündigen weitere Proteste an. Auf den Bauernverband sind sie nicht gut zu sprechen.

Christian Sebald

Zwar haben die Butterpreise zuletzt etwas angezogen. Aber von einem Aufschwung und einem Milchpreis von 26 bis 30 Cent zum Jahresende, wie ihn der Bauernverband bereits für möglich hält, spüren die bayerischen Milchbauern nichts. Im Gegenteil: "Unsere Lage bleibt verzweifelt", sagt Romuald Schaber, der Vorsitzende des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter. "Die meisten Kollegen bekommen nach wie vor nur um die 20 Cent je Liter Milch." Schaber erneuerte deshalb die Forderung, dass Agrarpolitiker endlich wirksam gegen die permanente Überproduktion von Milch vorgehen müssen. Andernfalls kündigte er neue Massenproteste der Bauern an.

"Ein Brathendl auf der Wiesn und eine Maß Bier kosten so viel, wie ein Bauer für 36 Liter Milch und einen Doppelzentner Weizen bekommt", rechnet der BDM-Landesvorsitzende Balthasar Brandhofer vor, "mit solchen Preisen kann keiner wirtschaften, geschweige denn, dass er eine Perspektive hat." Die Agrarpolitiker müssten jetzt endlich die Instrumente gegen die Milchkrise einsetzen, die ihnen die EU-Kommission jüngst eröffnet hat. Dazu zählt für Brandhofer vor allem die Abschaffung der Saldierung.

Die Saldierung erlaubt den Milchbauern, mehr Milch an die Molkereien zu liefern, als ihnen von ihrer Milchquote her eigentlich zusteht. Experten zufolge gehen allein fünf Prozent der Milch in Deutschland, also 1,4 Millionen Tonnen pro Jahr, auf sie zurück. "Wenn die vom Markt weg wären, wäre der erste Schritt getan", sagt Brandhofer. Er fordert aber auch, dass Deutschland ab sofort die von der EU verordnete Erhöhung der Milchproduktion um ein Prozent pro Jahr aussetzt und sie in die sogenannte nationale Reserve steckt. "Frankreich macht ja beides vor und dort bekommen die Bauern auch einen besseren Preis für die Milch", sagt Brandhofer. "Nur hier bei uns soll das nicht gehen, weil der Bauernverband das nicht will." Auf den Bauernverband sind die Milchbauern denn auch nach wie vor nicht gut zu sprechen.

"Wir Milchbauern in Bayern sind uns einig, dass wir etwas gegen die Überproduktion tun müssen", sagt die Milchbäuerin Christine Schneebichler, die im Frühjahr den Hungerstreik der Bauersfrauen vor dem Berliner Kanzleramt organisiert hat. "Nur der Bauernverband will das nicht einsehen." Stattdessen fordere er noch mehr millionenschwere Subventionsprogramme der EU. Und zwar obwohl die vergangenen Monate klar gemacht hätten, dass sie nichts gegen die Milchkrise ausrichten können. "900 Millionen Euro hat die EU bereits in den Milchmarkt gepumpt", sagt Christine Schneebichler. "Aber von einem kostendeckenden Milchpreis sind wir weiter entfernt denn je."

Die Bauern wollten kein neues EU-Geld, sagt Schneebichler. "Stattdessen sollen die Politiker jetzt endlich gegen die Überproduktion vorgehen." Das sieht auch BDM-Chef Schaber so. "Die Bauern werden sich nicht gefallen lassen, dass man ihre Forderungen immer nur missachtet", sagt er. Erst im September hatten die Milchbauern aus Protest gegen die Agrarpolitik Millionen Liter Milch aus Güllefässern auf ihre Felder ausgebracht.

© SZ vom 14.10.2009/jab
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