Hochschulen:Nun dürfen Malermeister Medizin studieren

Die Staatsregierung öffnet Handwerksmeistern und Gesellen die Hochschulen - als erstes deutsches Bundesland.

C. Burtscheidt und M. Szymanski

Für Stefan Rasche und Johannes Michl geht es in diesen Tagen um die Zukunft. Die 20 und 18 Jahre alten Männer stehen kurz davor, Elektriker zu werden. Sie arbeiten in Betrieben in Augsburg und stecken gerade mitten im Prüfungsstress. Es war nicht immer einfach für die beiden, sich zu motivieren. Denn was haben sie für Zukunftschancen, außer richtig Geld zu verdienen? Fragt man Rasche nach seinen Karriereträumen, dann sagt er: "Karriere? Den Meister kann man machen. Aber was kommt danach? Eigentlich nichts."

Hochschulen: Wer den Meisterbrief in der Tasche hat, soll künftig den allgemeinen Hochschulzugang erhalten.

Wer den Meisterbrief in der Tasche hat, soll künftig den allgemeinen Hochschulzugang erhalten.

(Foto: Foto: ddp)

Das wird sich nun ändern. Die neue Regelung, die das bayerische Kabinett am Dienstag verabschiedet hat und die zum Wintersemester 2009/10 in Kraft treten soll, sieht vor, den jährlich 22.000 Gesellen mit dreijähriger Berufserfahrung die fachgebundene und den 4600 Handwerksmeistern die allgemeine Hochschulreife zu verleihen.

Das heißt: Schreiner- oder Malermeister können in Zukunft Medizin oder Jura studieren; und die einfachen Gesellen ohne Meisterbrief zumindest ein fachgebundenes Studium beginnen. Darauf verständigten sich die 16 deutschen Regierungschefs beim Bildungsgipfel von Bundeskanzlerin Angela Merkel im Herbst vergangenen Jahres. Der Freistaat ist das erste Land, das die Forderung umsetzt.

Ein Sprung in eine völlig andere Welt

Bereits seit Herbst 2007 studieren 400 Handwerksmeister an den bayerischen Hochschulen. Die Hochschulreform 2006 hat es möglich gemacht. Ländern wie Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen folgend, wollte auch die CSU die berufliche Bildung aufwerten und genehmigte den besten 20 Prozent eines Jahrgangs den Hochschulzugang. Allerdings dürfen sie sich bislang nur an den Fachhochschulen einschreiben.

Die Erfahrung lehrt: Die meisten Handwerker wählen technische Fächer, um sich in ihrem Job für Führungspositionen weiterzuqualifizieren. Zum Beispiel Reinhold Pointinger. Der 36-Jährige ist einer von zurzeit 80 Meistern, die an der Fachhochschule in München studieren. Sein Ziel: der Bachelor in Verfahrenstechnik. Zurzeit ist er im dritten Semester.

Das Studium aber sieht er nur als Nebenjob. Hauptberuflich arbeitet Pointinger als Abteilungsleiter beim US-Konzern Neenah, einem Papiermacher mit Sitz im oberbayerischen Feldkirchen und Bruckmühl.

Ihm unterstehen 60 Mitarbeiter. Als Chef nochmals die Hörsaalbank zu drücken war eine Umstellung für ihn. Nicht nur weil Pointinger auf Gehalt verzichten muss, er hat sich das Studium auch nicht so anspruchsvoll vorgestellt. Doch seine Firma unterstützt ihn, um die Doppelbelastung zu schultern. Sie akzeptierte, dass er seine Arbeit auf eine 30-Stunden-Woche reduzierte, übernimmt Studiengebühren und Fahrtkosten.

Oder Wolfgang Mauritz. Bis vor kurzem war der 27-Jährige noch als Monteur bei der Zahnradfabrik in Passau beschäftigt. Nun studiert er als einer von acht Meistern an der Fachhochschule in Deggendorf, im Studiengang Maschinenbau. Für ihn war das ein "Sprung" in eine völlig andere Welt. Anfangs sei es sehr anstrengend gewesen, sagt er, doch nun komme er sehr gut voran. Was er den 20-jährigen Abiturienten in den Seminaren voraus hat, ist die Leistungsbereitschaft. "Ich bringe zehn Jahre Berufstätigkeit mit", sagt er.

Zusätzliche Auswahlverfahren nötig

Die neue Durchlässigkeit zwischen akademischer und beruflicher Bildung befürworten auch die Hochschulen. "Die Angst, die Meister könnten die Qualität an den Hochschulen verwässern, war in den meisten Fällen unbegründet", sagt der Sprecher der 17 bayerischen Fachhochschulen, Gunter Schweiger.

Zur Auflage machen die Einrichtungen jedoch eine "klare Leistungsorientierung". Das heißt: Es reicht nicht der Meisterbrief, um Student zu werden. Berufliche Bewerber müssen zusätzlich Auswahlverfahren durchlaufen: Gespräche und schriftliche Tests soll es geben.

"Wenn junge Leute im Job gezeigt haben, dass sie sich durchboxen können, soll ihnen das Bildungssystem nach oben offenstehen", sagt Wolfgang Herrmann, Präsident der einzigen bayerischen Technischen Universität in München. Auch er rechnet von Herbst 2009 an mit Meisterkandidaten, doch wird sich der Andrang in Grenzen halten.

Schon jetzt sind nur wenige Meister zur akademischen Weiterbildung bereit. Nicht einmal einen Prozent aller Studenten machen sie aus. Ein Ansturm aber ist auch deshalb ausgeschlossen, weil es Quoten gibt: Mehr als fünf Prozent der Studentenschaft dürfen die Handwerker nicht stellen.

Für das Handwerk ist der jüngste Ministerratsbeschluss dennoch ein "großer und mutiger Schritt". In den bayerischen Kammern sprechen sie von einer Sensation. Heinrich Traublinger, Präsident des Bayerischen Handwerkstages, sagt: "Hochschulkarrieren sind auch über den Weg des Handwerks möglich." Lange hätten die Betriebe dafür gekämpft. Aber über Modellversuche war man bisher nicht hinausgekommen.

Betriebe feiern Offenheit der Hochschulen

Auch in den Betrieben selbst wird die neue Offenheit der Hochschulen gefeiert. Peter Meindl, Mitinhaber von Elektro-Dienst Deisenhofer in Augsburg, hat lange auf diesen Tag gewartet. Sein Betrieb beschäftigt knapp 40 Elektriker, darunter ein Dutzend Auszubildende. Denen müsse das Handwerk heute mehr Perspektiven bieten, meint er. "Die haben genauso Karriereträume." Denn längst sind auch die Handwerksbetriebe in einem Wettbewerb um die besten Köpfe. Die Schülerzahlen gehen zurück.

Wer den jungen Leuten nichts zu bieten hat, bekommt Probleme. "Die Möglichkeit, später studieren zu können, macht die Handwerksausbildung attraktiver", sagt Schwabens Kammerpräsident Ulrich Wagner. Jährlich legen hier bis zu 800 Gesellen ihre Meisterprüfung ab.

Die beiden Elektriker Johannes Michl und Stefan Rasche glauben, dass sich gerade Gesellen, die die Schule schon lange hinter sich haben, mit der vielen Theorie im Studium nicht leicht tun werden. Aber die Option auf ein Studium wollen sie unbedingt haben. "Es ist in jedem Fall eine gute Sache", sagt Rasche.

© SZ vom 29.01.2009
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