Bund Naturschutz "Kasperltheater, während draußen die Welt verreckt"

Der Bund Naturschutz bricht mit seinem Vorsitzenden Weinzierl. Die Delegiertenversammlung billigt die Trennung vom Bildungswerk des Ehrenvorsitzenden in Wiesenfelden.

Von Rolf Thym

Es ging um viel für Hubert Weinzierl, nicht nur in der Sache, auch persönlich. Als er am Sonntagmorgen vor die Delegiertenversammlung des Bundes Naturschutz (BN) trat, ahnte er, dass er schon verloren hatte. Er war so angespannt, so enttäuscht und verärgert wie selten zuvor. Er fürchtete um ein Lebenswerk, das er 25 Jahre lang mit seiner Frau Beate Seitz-Weinzierl aufgebaut hat - das BN-Bildungszentrum in einem Schloss in Wiesenfelden.

Seit 1981 ist der BN Mieter des alten, wildromantischen Baus in Niederbayern, der Hubert Weinzierl gehört und in dem Zehntausende BN-Mitglieder im Wesentlichen unter Anleitung von Beate Seitz-Weinzierl erfuhren, was unter ganzheitlicher Umweltbildung zu verstehen ist: Referate und Exkursionen, Koch- und Tanzkurse, Musikabende, Lesungen, Diskussionen.

Es war jedoch abzusehen, dass die BN-Delegierten, die zur Jahresversammlung in Landshut zusammengekommen waren, mehrheitlich einem Beschluss des Landesvorstands zustimmen würden: Ein neues Bildungsreferat soll in Regensburg geschaffen und das bisherige Bildungswerk in Wiesenfelden aufgelöst werden. "Ich gebe zu", sagte Weinzierl, "dass mich in meiner ganzen Naturschutzzeit kein Vorgang so verletzt und getroffen hat. Er hat mich unendlich viel Lebenszeit gekostet".

"Irgendwie traurig und wütend"

Und nun, fuhr Weinzierl mit unterdrückter Empörung fort, "bin ich irgendwie traurig und wütend, dass draußen die Welt verreckt - und wir spielen hier ein Kasperltheater, das nicht mehr zu überbieten ist." Da hob Applaus an, der aber unterging in Murren und Buhen gegen den 71-Jährigen, der von 1969 bis 2002 der Naturschutzorganisation vorstand.

Weinzierl bat eindringlich um Zustimmung zu einem Kompromiss: Die Stiftung, die er und seine Frau vor kurzem gegründet haben, wolle die Bürokosten für das neue BN-Bildungsreferat übernehmen und auch alle Sachkosten für eine BN-Ökostation im Schloss. Im Gegenzug solle der Dienstsitz der künftigen Leiterin des Bildungsreferats, Beate Seitz-Weinzierl, nicht in die Regensburger BN-Landesgeschäftsstelle verlagert werden, sondern in Wiesenfelden bleiben.

Dieser Vorschlag wurde gegen 35 Stimmen abgelehnt. Die Mehrheit der 184 Delegierten will die Koordination einer künftig landesweit organisierten Umweltbildung in der Regensburger Landesgeschäftsstelle konzentrieren. So also kam es am Sonntag zum Bruch zwischen dem Bund Naturschutz und dessen langjährigem Vorsitzenden Weinzierl. Sein Mietvertrag mit der Organisation, die ihm so viel bedeutet, läuft zum 31.März 2008 aus.

Personelle Frage nicht geklärt

Weinzierl will auf dem Wiesenfeldener Schloss mit seiner Stiftung eine eigene Umweltbildungsstätte einrichten, Spenden dafür sammeln und Staatszuschüsse beantragen. Damit tritt er in Konkurrenz zum BN. Auf die Frage, wer die vom Ehepaar gegründete Bildungseinrichtung leiten werde, sagte Weinzierl: "Die personelle Frage ist noch nicht geklärt." Seine Ehefrau Beate ist weiterhin Angestellte des Bundes Naturschutz. Sie sagte in Landshut kein Wort über ihre berufliche Zukunft - mit dem Hinweis auf die Verschwiegenheitspflicht, der sie als BN-Beschäftigte unterliege.

Im Vorfeld der BN-Landesversammlung hatten Mitglieder der Organisation vermutet, hinter der Neuordnung der BN-Umweltbildung stecke ein Gutteil Machtstreben des Landesvorsitzenden Hubert Weiger. So empfanden das in Landshut auch einige BN-Leute, etwa Greta Poser aus dem Berchtesgadener Land: Ihre Kreisgruppe hatte mit weiteren sieben den Wunsch der Weinzierls auf ein Festhalten an Wiesenfelden unterstützt - vergebens.

"Gnadenloses Streben nach Macht"

Hinter der Debatte um die Neuordnung der BN-Umweltbildung stecke, so fand Poser, nicht zuletzt "auch eine Abrechnung mit Hubert Weinzierl, der Ikone des Naturschutzes in Deutschland". Weiger zeige "sein Streben nach Macht, da ist er gnadenlos".

Der BN-Vorsitzende wies solche Vorhaltungen am Wochenende deutlich zurück. Die Delegiertenversammlung sei sehr gut aus eigener Verantwortung in der Lage, zu entscheiden, "und nicht, weil der Vorsitzende irgendwelche Machtgelüste hat", sagte Weiger sichtlich pikiert. Es gebe "keinen persönlichen Konflikt" zwischen ihm und Weinzierl.

Am Ende der Versammlung würdigte Weiger ausdrücklich das Lebenswerk seines Vorgängers, und er versicherte, der Landesvorstand wolle Beate Seitz-Weinzierl als Leiterin des neuen Bildungsreferates halten. Das hielt eine Delegierte nicht mehr aus: "Da wird mir ja schlecht." Während sie hinausging, sagte Weiger noch: Für alle Funktionsträger im BN gebe es nur ein Mandat auf Zeit. "Und diese Personen, auch wenn sie sich noch so sehr eingesetzt haben, sind ersetzbar."