Blindgänger auf Autobahn A3 Die vermeidbare Tragödie

Vor einem Jahr ist ein Bauarbeiter auf der Autobahn A3 bei Aschaffenburg ums Leben gekommen, weil ein Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg detonierte. Experten zufolge war dieser Tod vermeidbar.

Aschaffenburg - Peter Rintz, Bauunternehmer aus Dresden, hat den 23. Oktober 2006 bis heute nicht verstanden. Es war der Tag, an dem Rintz einen Mitarbeiter verloren hat, einen 46 Jahre alten Familienvater aus dem Dresdner Stadtteil Laubegast.

In Stücke gerissen liegt ein Baustellenfahrzeug auf der Autobahn A3 bei Aschaffenburg (Archiv)

(Foto: Foto: dpa)

Auf der Autobahn A3 zwischen den Anschlussstellen Aschaffenburg Ost und West war an diesem Tag gegen 10.45 Uhr eine Bombe detoniert, ein Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg. Der Bauarbeiter war mit einer Fräsmaschine über die Bombe gefahren. Dass lediglich ein Mensch bei der Explosion ums Leben kam, hält nicht nur Rintz für ein "kleines Wunder".

Vier vorbeifahrende Sattelschlepper, die durch die Detonation zum Teil schwer beschädigt wurden, haben an diesem Tag wohl verhindert, dass auch Autofahrer verunglückten. Das freilich ist es nicht, was Rintz auch ein Jahr danach nicht zur Ruhe kommen lässt. Was ihn umtreibt, ist die Frage, warum vor dem Ausbau der A3 nicht vorab nach liegen gebliebenen Weltkriegsbomben gesucht wurde. Beantworten konnte ihm das bislang niemand.

Es war die erste Baustelle des Unternehmers in Bayern. Rintz, ein Spezialist für Bodenstabilisierung, arbeitet vor allem an Autobahnen im Osten Deutschlands, häufig auf kriegsbelastetem Terrain. Fräse er dort auch nur ein Loch in den Boden ohne Bescheinigung der Kampfmittelbeseitigung, sagt er, "dann machen mir die dort sofort die Baustelle dicht".

Über die Situation in Aschaffenburg war Rintz nicht im Bilde. Dass dort im November 1944 mehr als 3000 britische Bomben abgeworfen wurden, erfuhr er genau einen Tag nach der Explosion. Erfahren musste er da auch, dass das Unglück ein "Bestandteil des allgemeinen Lebensrisikos" sei. Die Auskunft stammt von der Autobahndirektion Nordbayern, die für die Suche nach Weltkriegsbomben verantwortlich gewesen wäre. Eine solche Suche hatte die Behörde aber nicht veranlasst, weil beim Autobahnbau 1958 schon einmal nach Blindgängern gesucht worden sein soll.

Es existierten darüber "Kostenvoranschläge für die einzelnen Streckenabschnitte", rechtfertigt das die Direktion. Darüber, wo damals genau gesucht worden ist, sagen diese Dokumente allerdings nichts aus. Die detonierte Bombe lag unterhalb des Banketts, also neben der Autobahn. Einen Monat nach der Explosion fand man im selben Bauabschnitt noch eine weitere Bombe - nach der Auswertung von Luftbildern aus dem Zweiten Weltkrieg.

"Absurde Argumente"

Dass diese nicht schon zuvor herangezogen wurden, sorgt in anderen Bundesländern für heftiges Kopfschütteln. In Nordrhein-Westfalen, erklärt ein Sprecher des Landesbetriebs Straßen, gehöre die Luftbildauswertung vor jedem Autobahnausbau zum "absoluten Standardprogramm". Im Ruhrgebiet werden deshalb immer wieder Autobahnen gesperrt.

Auch in Brandenburg, bekräftigt eine Sprecherin, sei ein Autobahnausbau ohne vorherige Analyse"absolut undenkbar" - schon allein deshalb, weil die Auswertung von Luftbildern heute Möglichkeiten biete, an die man "in den 50er Jahren noch nicht einmal dachte". Dass im Freistaat Bayern nicht grundsätzlich gesucht werden muss, will die Behördensprecherin in Brandenburg nicht kommentieren. "Diese Unterschiede in der Bewertung von Gefahren gehören zu den Segnungen des Föderalismus", sagt sie.

So zurückhaltend sind nicht alle in der Branche. Für "völlig absurd" hält ein Fachmann für Kampfmittelanalyse die Argumentation der Autobahndirektion. Der Bauingenieur, der für einen privaten Luftbildauswerter arbeitet, will seinen Namen nicht in der Zeitung lesen. Man sei schließlich angewiesen auf die staatlichen Baubehörden, sagt er, und dort gelte man "schnell als Nestbeschmutzer".

Einige wenige Klicks in seiner Datenbank benötigt es, dann hat der Ingenieur mehrere historische Luftaufnahmen von der Bombardierung Aschaffenburgs auf seinem Bildschirm. Darunter auch die Stelle, an der der Bauarbeiter sein Leben verloren hat. Dies indes ist nicht der einzige Unterschied zum Stand der Technik im Jahr 1958.

Mit Hilfe von Georadar entdecken Spezialisten heute Fundstellen von Blindgängern, die vor fünfzig Jahren unmöglich zu orten gewesen wären. Gerade auf Autobahnbaustellen ist das auch notwendig: Die Baumaschine etwa, die bei der Explosion zerstört wurde, fräste nahezu doppelt tief als dies 1958 üblich gewesen war. Warum aber wurde dann nicht untersucht? Es musste sehr schnell gehen bei Aschaffenburg, glaubt der Ingenieur zu wissen - "und wer sucht, der könnte mehr finden, als ihm lieb ist".

Strafrechtlich relevant, erklärt die Aschaffenburger Staatsanwaltschaft, ist der Fall hingegen nicht, die Ermittlungen wurden eingestellt. Zwar sei "allgemein bekannt" gewesen, dass im Streckenabschnitt auf der Höhe des Aschaffenburger Stadtteils Damm mehrere hundert britische Bomben niedergegangen sind. Wegen der gefundenen "Kostenvoranschläge" für Kampfmittelräumung aus den 50er Jahren, so heißt es in der Einstellungsverfügung, sei den Behörden jedoch kein fahrlässiges Handeln nachzuweisen. Selbst dann nicht, wenn es wahrscheinlich ist, das damals nur im Bereich der Autobahn gesucht wurde - nicht aber im Bankett neben der Fahrspur.

Für Martin Kempf, der 1944 die Bombardierung Aschaffenburgs miterleben musste, ist all dies nur schwer zu ertragen. Jahrelang hat Kempf, Mitglied im Aschaffenburger Geschichtsverein, Vorträge gehalten, wie viele der über 3000 Bomben wahrscheinlich nicht detoniert sind, bei britischen Bomben waren es bis zu zehn Prozent. Immer wieder hat er den Hausbesitzern in Damm erklärt, wie unverantwortlich es sei, dort in die Tiefe zu graben, ohne vorherige Kampfmittelanalyse.

Natürlich gab es Widerstände. Denn wenn die Eigentümer Gewissheit darüber wollen, weiß Kempf, dann müssen sie das in Bayern selbst bezahlen - der Kampfmittelsuchdienst ist im Freistaat im Gegensatz zu anderen Bundesländern privatisiert. Dass der Freistaat auf seiner Baustelle selbst nicht gesucht hat, macht Kempf fassungslos. "Man will die Anwohner in Sicherheit wiegen", vermutet er. "Und Kampfmittelsuche kostet schlicht Geld und Zeit."

Zivilklage gegen Freistaat

Die Witwe des verunglückten Bauarbeiters kann sich damit nicht abfinden. Sie will, dass so etwas nie wieder passieren kann, berichtet ihr Anwalt Johannes Rothmund, der eine Zivilklage gegen das Land Bayern vorbereitet. Ein Unglück wie das bei Aschaffenburg, glaubt Rothmund zu wissen, "hätte so in keinem anderen Bundesland geschehen können".

Peter Rintz, den Dresdener Bauunternehmer, macht das bitter. 180.000 Euro hätte eine Voruntersuchung des Bauabschnitts gekostet. "Da weiß man, was ein Leben in Bayern wert ist", sagt er.