Mercedes Life-Jet F 300 Immer mit Vollgas hinein in die Kurve

Noch steht die Entscheidung nicht fest, ob die Studie im Museum oder auf der Straße landet

(SZ vom 08.11.1997) Am 23. Dezember 1995 fiel die erste Entscheidung - auf dem Kurs von Hockenheim war eine Vorstands-Erprobungsfahrt angesagt. Die hohen Herren waren skeptisch: Das Life-Jet-Dreirad erschien ihnen wie die Antwort auf eine nie gestellte Frage. Doch als gegen Mittag Butterbrezeln und Kaffee gereicht wurden, war der Projektverantwortliche Günter Hölzel glücklich. "Zu Anfang hielt sich die Begeisterung in Grenzen. Aber nach der Testfahrt, bei der unser F 300 die vierrädrige Konkurrenz ganz klar hinter sich ließ, wendete sich das Blatt. " Das Resultat: Der Vorstand gab den Forschern grünes Licht.

Mit dieser Entscheidung hatte sich das Gremium gleichzeitig gegen die Variante mit starrem Fahrwerk und für das Modell mit der innovativen Neigungstechnik ausgesprochen. Diese Lean Machine legt sich nicht nur mit dem Aufbau in die Kurve, sie sieht auch für alle drei Räder einen maximalen Neigungswinkel von 30 Grad vor. Der Vorteil: Die erzielbare Querbeschleunigung steigt von 0,6 auf 0,9 g an, und im Grenzbereich gerät der F 300 nicht ins Kippen, sondern schiebt über die Vorderachse leicht untersteuernd zum Kurvenaußenrand.

Für die gewünschte Seitenneigung ist eine über der Vorderachse installierte Wanksteuerung zuständig, die aus einer Hydraulikpumpe, einem Neigungsgeberzylinder und zwei Hebelwellen besteht, die bei Bedarf die oberen Anlenkpunkte der schräg eingebauten Feder-Dämpfer-Einheiten verschieben. Als Einflußgrößen für die Neigung hat Hölzel die Fahrgeschwindigkeit, die Querbeschleunigung und den Lenkwinkel ausgewählt.

Als Antriebsquelle fungiert der schräg im Heck untergebrachte 1,6-Liter-Vierzylinder aus der A-Klasse. Der 75 kW (102 PS) starke Motor treibt das an einer Schwinge aufgehängte Hinterrad über einen Zahnriemen an. Die Reifen haben Motorradformat (150/80 ZR 16 vorne, 190/50 ZR 17 hinten), doch der Pilot des Life-Jet braucht nur einen Autoführerschein der Klasse III. "Das Ding ist so sicher wie ein Vierrad, aber es vermittelt den Fahrspaß eines Zweirads", verkündet Günter Hölzel. Zu den konstruktiven Vorsorgemaßnahmen gehören Sicherheitsgurte, Fahrerairbag, Seitenaufprallschutz, ABS, ASR und eine beruhigend steife Fahrgastzelle aus Leichtmetall.

In Anlehnung an den klassischen Kabinenroller verfügt auch der F 300 über zwei hintereinander angeordnete Sitze, ein Steuerhorn im Flugzeug-Look und über zwei herausnehmbare Dachhälften, die im Kofferraum verstaut werden können, wodurch dessen Volumen aber von 125 Liter gegen Null sinkt. Besonders stolz sind die Stilisten auf den Zentralscheinwerfer, der eine Vorfeldausleuchtung von 80 Prozent aufweist, und dessen Zusatzscheinwerfer beim Einlenken in die Kurve hineinleuchtet wie weiland der Citroën DS. Da die Zulassungsordnung für einen Pkw allerdings zwei Scheinwerfer vorschreibt, ist das letzte Wort hier wohl noch nicht gesprochen.

Da das fertige Show Car nur von Meister Hölzel höchstpersönlich bewegt werden darf, muß die Presse derzeit noch mit dem Fahrdynamik-Versuchsträger vorliebnehmen. Der dreirädrige Käfig ist erstaunlich geräumig und über die asymmetrische Fahrertür gut zugänglich. Schalensitz, Lenkrad und Pedalerie sind Pkw-like, doch der nach oben und zur Seite offene Arbeitsplatz und das sequentielle Fünfganggetriebe lassen bereits ein gewisses Zweirad-Ambiente aufkommen. Während man sich an den elektromagnetischen Schaltstummel erst gewöhnen muß, fühlen sich Lenkung, Bremsen und Fahrwerk auf Anhieb vertraut an.

Sanft und progressiv

In der harmonischen Abstimmung vollzieht sich der Übergang von der aufrechten Geradeausfahrt in die kurvenbedingte Schräglage sanft und progressiv. In der dynamischen Abstimmung kippt der F 300 dagegen fast so unvermittelt-ambitioniert von links nach rechts wie ein auf Kampflinie bewegtes Zweirad. Das Vordringen in den Grenzbereich erkennt der F 300-Fahrer nicht nur am leichten Untersteuern, sondern auch am Protest-Quietschen des Hinterreifens und an der verhärtenden Lenkung, die ohne Servounterstützung auskommen muß.

Wie geht es weiter mit dem Life-Jet? Noch in diesem Jahr wird der Vorstand eine weitere Weichenstellung vornehmen. Die Alternativen heißen Vorentwicklung oder Museum. Falls die Chefs mit dem Kopf nicken, soll der F 300 zu einer kleinen Familie von luftigen Spaßmobilen ausgebaut werden. Ein kompromißloser Einsitzer ist ebenso denkbar wie eine entblätterte High-Tech-Variante und ein High-Performance-Modell mit mindestens 110 kW (150 PS). Das Zeitfenster für eine Umsetzung von der Theorie in die Praxis liegt bei drei bis fünf Jahren, der Verkaufspreis bewegt sich je nach Motorisierung und Karosserieform von "unter 20 000 bis unter 30 000 Mark". Vertreiben will man das Dreirad nicht über das Mercedes-Händlernetz, sondern über die Lifestyle-orientierte Zweitmarke Smart. Die Aussparungen für das MCC-Logo am Bug, am Lenkrad und auf den Felgen sind bereits vorhanden . . .

Von Georg Kacher