Mercedes-Benz S 300 TD Der Kostverächter

Wer Raum ohne Ende bei moderaten Trinksitten sucht, wird künftig Diesel fahren müssen

(SZ vom 11.06.1997) Über die Mercedes-Benz S-Klasse ist seit ihrer Präsentation im Frühjahr 1991 viel geschrieben worden - viel positives (Raum ohne Ende, beispielhafter Komfort, die sicherste Trutzburg auf Erden), und viel negatives (protziger Auftritt, reichlich Raumbedarf und Verbrauchswerte, die die Einheirat in eine Beduinenfamilie mit Erdölanschluß angeraten sein lassen). Völlig unabhängig von diesen - übrigens nur in Deutschland geäußerten - Mäkeleien, hat sich der große Mercedes in diesen vier Jahren nicht weniger als 353 000 mal verkauft - was diese S-Generation zum erfolgreichsten Vertreter dieser Top-Klasse in der Geschichte des Unternehmens gemacht hat.

Daß wir uns nach all den Jahren nochmals intensiver einem Modell der S-Klasse zuwenden, hat mit der Tatsache zu tun, daß die Turbo-Dieselvariante mit einem neuen Triebwerk beglückt wurde - von dem die Ingenieure in puncto Leistungsentfaltung und Verbrauchsökonomie wahre Wunderdinge erzählen. Hinter der überraschenden Verwandlung von mehr Leistung (nun 130 kW oder 177 PS bei 4400/min) in einen um neun Prozent reduzierten Verbrauchswert (nun 11,4 Liter Diesel auf 100 Kilometer) steckt in diesem Fall größtenteils die Vierventiltechnik, die - zusammen mit dem Turbolader - den Wirkungsgrad des nunmehr auf 3,0 Liter Hubraum reduzierten Sechszylinders deutlich verbessert. Ein weiterer Pluspunkt ist die Ladeluftkühlung, die die Lufttemperatur vor den Brennräumen senkt und somit für einen höheren Sauerstoffanteil sorgt.

Lange Jahre schien es nur schwer vorstellbar, daß bei einer Limousine der Top-Klasse ein Selbstzünder unter der Motorhaube für vernünftige Verkaufszahlen sorgen könne. Doch die Zeiten ändern sich: Mercedes-Benz rüstet die S-Klasse bereits seit vielen Jahren in den USA erfolgreich mit Turbodieselmotoren aus - und Audi hat mit dem TDI das Thema Diesel salonfähig gemacht und vom Stallgeruch des Taxi-Gefährts befreit.

Neben dem Image haben die Selbstzünder aber auch bei den Kategorien Komfort und Ökonomie deutlich zugelegt: Die Vorglühzeiten sind auf Sekundenbruchteile zusammengeschrumpft, das lästige Nageln der Warmlaufphase findet (wenn überhaupt) nur noch die ersten ein, zwei Minuten statt - zu gut sind mittlerweile die Geräuschdämpfungsmaßnahmen und das Wissen darum, wo man welchen Frequenzen am besten aus dem Weg geht. Und wenn der S 300 TD erst einmal läuft, übertönen die Wind- und Abrollgeräusche die Geräuschkulisse des Triebwerks allemal.

Wer längere Zeit keinen Selbstzünder gefahren ist, wird von der temperamentvollen Symbiose, die ein Dieselmotor, ein Turbolader und ein Fünfgang-Automatikgetriebe eingehen kann, erstaunt sein. Nach 11,2 Sekunden wird Tempo 100 erreicht, während sich die Höchstgeschwindigkeit bei 206 km/h einpendelt (die der Tachometer aber gerne als 220 km/h ausgibt). Überraschender als diese nackten Daten ist jedoch das subjektive Empfinden, mit welchem Temperament sich die 1,9 Tonnen des 300 TD in Bewegung setzen - da kommt kein Ruf nach mehr Leistung mehr auf. Die wirkliche Überraschung ist dann aber immer wieder der Besuch an der Tankstelle: Verbrauchswerte zwischen acht und elf Litern Diesel auf 100 Kilometer sind völlig normal - bei einer zügigen Fahrt von München nach Wolfsburg auf einer nächtlich leeren Autobahn wurden exakt 10,8 Liter gemessen.

Wie gesagt: Die Zeiten ändern sich - und so bedarf es keiner großen prophetischen Gaben, um dem Dieselmotor in der Premium-Klasse eine blendende Zukunft voraussagen zu können. Dafür werden die vollen Autobahnen mit sinkenden Geschwindigkeiten ebenso wie die wachsende Lust auf mehr Raum, Komfort und Luxus sorgen. Fahrzeuge wie der BMW 725tds, der Audi A8 TDI und dieser S 300 TD werden der Luxusklasse Marktsegmente erschließen, von denen die Verkäufer und Kunden bislang noch nicht wußten, daß sie existieren.

Von Jürgen Lewandowski