Lexus GS 300 T3 Das wahre Understatement

Eine Limousine von Toyota für mehr als 100 000 Mark

(SZ vom 05.08.1995) Wer sich im Land der Mercedes, BMW, Audi und Porsche ausgerechnet einen Lexus anschafft, muß schon einen ausgeprägten Sinn für Understatement mitbringen. Wer sich dann auch noch für die kleinere der beiden Lexus-Baureihen entscheidet, den GS 300, beweist erst recht einen Hang zum Ausgefallenen. Denn dieser kleine Bruder des bekannteren und stattlicheren Lexus LS 400 führt hierzulande seit seiner Markteinführung vor zwei Jahren ein vornehmes Mauerblümchendasein. Die 45 Toyota-Händler in Deutschland, die Lexus-Neuwagen anbieten, verteilen den GS 300 in homöopathischen Stückzahlen von einigen hundert Fahrzeugen pro Jahr.

In der Kölner Zentrale des deutschen Toyota- und mithin auch Lexus-Importeurs spricht man dennoch tapfer vom Erfolg der beiden Modelle aus der Luxusabteilung des japanischen Werks, obgleich sich auch fünf Jahre nach der Einführung der Marke Lexus die Besitzer eines solchen Fahrzeugs immer noch fragen lassen müssen, was das denn bitteschön sei, ein Lexus.

Die Krone des Understatements präsentierte Toyota Deutschland jüngst in Form des GS 300 T3. Die Zusatzbezeichnung weist nicht etwa auf eine dreifache Turboaufladung hin, sondern auf eine eher gemäßigte Form von Tuning ab Werk. Der veredelte Lexus unterscheidet sich von seinem serienmäßigen Pendant durch ein modifiziertes Fahr- und Räderwerk, einen Sportauspuff und einen anderen Kühlergrill. Der Aufpreis ist happig, mehr als 15 000 Mark müssen für das Sportpaket investiert werden; mit 102 630 Mark liegt der Preis des nur mit Vollausstattung (unter anderem elektrisch verstellbare Ledersitze, Klimaautomatik, Stereoanlage mit CD-Wechsler, Schiebedach, zwei Airbags) lieferbaren GS 300 T3 bereits auf dem Niveau achtzylindriger Limousinen aus deutscher Fertigung.

Und leise säuselt der Motor

Der japanische Luxusliner bietet nur sechs Zylinder, was abgesehen vom geringeren Prestige jedoch kein Nachteil ist. Seidenweich und leise säuselt der Reihensechszylinder mit 3,0 Liter Hubraum in allen Lebenslagen, das obligatorische Vierstufen-Automatikgetriebe wechselt unaufdringlich und sanft die Gänge. Auch der zum T3-Paket gehörende Sportauspuff mit den beiden polierten Endrohren hält sich akustisch dezent zurück, im Innenraum ist von ihm dank der guten Schalldämmung nichts zu hören.

Sieben PS Mehrleistung und etwas mehr Drehmoment bringt der neue Auspuff, die Höchstleistung des heckangetriebenen GS 300 T3 liegt mit 161 kW (219 PS) bei 5900/min im klassenüblichen Rahmen. Die Fahrleistungen halten, was das sportliche Äußere verspricht: Mit einer Höchstgeschwindigkeit von 230 km/h und einer Beschleunigung von Null auf 100 km/h in 8,8 Sekunden zählt der Lexus zu den schnellen Limousinen im Lande.

Während der GS 300 in seiner Normalausführung dank seines konstruktiv aufwendigen und betont auf guten Federungskomfort getrimmten Fahrwerks auch zu den bequemsten Autos des Marktes gehört, müssen da beim T3 naturgemäß Abstriche gemacht werden, möchte man meinen. Allein schon wegen der extremen Niederquerschnitte der neuen Reifen, die kaum noch Luft zum Federn bereitstellen. Das Fahrwerk wurde um 30 Millimeter tiefergelegt, ein zusätzlicher Lenkungsdämpfer wurde eingebaut und das Ganze wurde komplett neu abgestimmt - mit verblüffendem Ergebnis. Trotz der durchaus massiven Eingriffe federt der Lexus noch einwandfrei, er läuft bei jeder Geschwindigkeit stur geradeaus, läßt sich exakt manövrieren und erfordert auch bei niedrigem Tempo keine ungebührlichen Lenkkräfte.

Krasse Außenseiterrolle

Die negativen Begleiterscheinungen, die bei derart getunten Autos oft in Kauf genommen werden müssen, bleiben also weitgehend aus. Das Kompliment dafür gebührt den Fahrwerksspezialisten der Toyota Motorsport GmbH, die für den Umbau verantwortlich zeichnen. Die ebenfalls in Köln, aber außerhalb der Toyota-Zentrale ansässige Firma existiert bereits seit mehr als 20 Jahren, war bis vor kurzem aber nur für die internationalen Motorsportaktivitäten von Toyota zuständig. Jetzt soll das 200 Mann starke Unternehmen, das Toyota schon zu mehreren Siegen in der Rallyeweltmeisterschaft verholfen hat, zunehmend Hand an die Serienmodelle von Toyota legen.

Der Lexus GS 300 T3 ist der erste Schritt auf diesem Weg. Er wird ebenso wie sein serienmäßiger Bruder zwar kaum über eine krasse Außenseiterrolle auf dem deutschen Markt hinauskommen, den Freunden des gehobenen Understatements kann das aber nur recht sein. Eine sehr solide, aber unbekannte Limousine aus Japan, gekonnt getunt von einer höchst renommierten, aber noch viel unbekannteren Motorsportschmiede, zum Preis von mehr als 100 000 Mark - erfolgreicher kann man seinen Spaß an teurer Automobiltechnik kaum verbergen.

Von Bernhard Weinbacher