Kulturgeschichte der Autogestaltung Das Ende des Retro-Designs

Vergessenes Ergebnis aus einem früheren Erneuerungsdruck bei Porsche: ein 924 Carrera GTS (1981)

(Foto: )

Einen der Tradition schon seit jeher verpflichteten Porsche 911 muss man in solcher Atmosphäre übrigens niemandem mehr begründen. Der Erneuerungsdruck, unter den der Sportwagenhersteller in den Siebzigern und Achtzigern geriet und dem er sich mit den Modellen 924, 944 oder 928 stellte, ist vergessen.

Mit den derzeit hier und da noch erscheinenden Vollblut-Retroautos, die den Trend in teilweise grotesken Formen oder Details am Leben erhalten, ist die manieristische Endphase der Epoche erreicht. Man versucht, die letzten Gewinne mitzunehmen.

Ein symptomatisches Beispiel dieser ausklingenden Phase ist ein Showcar der Firma Chrysler, das vor zwei Jahren noch auf Tour durch die Autoausstellungen der Welt geschickt wurde: der Chrysler Imperial.

Vielleicht ist dem extrem wertkonservativ denkenden Durchschnittsamerikaner der Bush-Ära eine gesunde Portion Retro mehr zuzumuten als dem Europäer - schließlich hat er ja auch den ebenfalls von Chrysler verkauften Prowler verdaut.

Doch angesichts des sich sogar in den USA durch steigenden Benzinpreis und der beginnenden Wahrnehmung von Umweltthemen abzeichnenden Paradigmenwechsel ist eine Weiterführung dieses Designtrends auch dort nicht ungefährlich.

Was wird bleiben, was wird kommen?

Jedes Unternehmen hat den Keller der eigenen Geschichte geöffnet, gründlichst durchsucht und gewissenhaft auf seine Reanimierbarkeit geprüft. Durch die Verfolgung dieses Themas über den Zeitraum von vier Fahrzeuggenerationen sind Retroelemente kultiviert worden und haben sich zum Teil fest etabliert. Das ist sicher zu ertragen.

Weitaus ernster zu nehmen sind Folgen der strategischen Entscheidungen der neunziger Jahre. Vor allem für die erste Reihe der Automobilhersteller ist es nicht ungefährlich, den Grundsatz der Einheit von Inhalt und Form aufzugeben. Indem man zulässt, dass moderne Automobile buchstäblich alt aussehen, öffnet man die Flanke für die technologisch noch unterlegenen Mitbewerber aus Fernost.

Der erste Anblick des Automobils wird weiterhin ausschlaggebend für eine grundsätzliche Einordnung in die Kategorien "interessant" oder "uninteressant" sein. So funktioniert unsere Wahrnehmung weit vor Einsetzen aller Rationalität. Und das Design - auf einen Spitzenplatz der Entscheidungskriterien beim Kauf eines Neuwagens geklettert - lässt sich leichter imitieren als Technologie.

Zukunft ist wieder attraktiv

Anspruchsvoll ist auch die Aufgabe, ein Retroauto in Richtung Zukunft weiterzuentwickeln. Dabei gerät man unvermeidlich in die Epoche, deren Produkte im Moment bei den Fähnchenhändlern stehen. Also ist eine kontinuierliche, für die Kundenbindung so wichtige schrittweise Nachvollziehbarkeit der Designentwicklung solcher Modelle schwer möglich. Der durch gewandtes Aufspringen auf den Retrotrend gewonnene Marktvorteil erweist sich bald als lästiger Kredit, der zurückzuzahlen ist.

Zukunft ist wieder attraktiv. Der Kunde ist bereit für die nächste Generation, deren Protagonisten wie der neue Honda Civic bereits beginnen, unser alltägliches automobiles Umfeld zu verändern. Und Daimler hat sich durch den Verkauf von Chrysler ja ganz nebenbei auch seiner Retro-Vergangenheit entledigt.

Die Autos der Zukunft werden sich von denen der ausklingenden Epoche stark unterscheiden, denn die gesellschaftliche Wirklichkeit, für die man sie entwickelt, ist eine andere. Umweltprobleme und Energiepreise sind globale Faktoren, denen sich kein Massenhersteller verschließen kann. Freuen wir uns also auf eine neue, zukunftsweisende Generation von Autos und lassen die Vertreter der Retro-Epoche in den Hintergrund der Automobilgeschichte treten.

Der Autor ist Professor für Transportation-/3D-Design an der Fachhochschule Pforzheim.