Honda Varadero 125 Kleine Schwester mit großen Talenten

Der Sitzkomfort ist auch für zwei Personen gut / Einen Hauptständer gibt es nur gegen Aufpreis

(SZ vom 03.03.2001) Auch wenn sie von den Stückzahlen her gegen die enorm erfolgreiche BMW Reise-Enduro R 1150 GS um Längen das Nachsehen hat: Die seit zwei Jahren auf dem Markt befindliche Honda Varadero 1000 hat europaweit einen begeisterten Anhängerkreis gefunden. Kein Wunder, dass Honda den eingeführten Namen Varadero abermals verwendet und der Ein-Liter-Reisemaschine für die Saison 2001 eine kleine Schwester zur Seite stellt. Die Varadero 125 besitzt zwar ebenfalls zwei Zylinder in V-Form, aber nur ein Achtel des Hubraums und gehört mit ihrer Maximalleistung von 11 kW (15 PS) in die Klasse der Leichtkrafträder.

Ungewöhnlich für eine 125er sind die üppigen Formen der Varadero. Die Verkleidung betont den mit 18 Liter Fassungsvermögen sehr großen Tank und die Zier-Kühlrippen lassen den flüssigkeitsgekühlten V2-Motor größer wirken als er ist. Eine erste Fahrt bewies, dass die Sitzbank nicht nur groß aussieht, sondern für Fahrer und Sozius erfreulich bequem ist. Die Sitzhaltung ist sehr entspannt; dank 800 Millimetern Sitzhöhe sind gute Sicht wie auch leichte Beherrschbarkeit gegeben. Die kleine Serien-Cockpitscheibe gewährt allerdings nur mäßigen Windschutz; möglicherweise erfüllt die als Zubehör lieferbare größere Scheibe diesen Zweck besser.

Der neu konstruierte Doppelrohr-Stahlrahmen, ein Radstand von 1,45 Meter und die stabile Kastenschwinge ergeben einen sehr guten Geradeauslauf. Trotz des hohen Schwerpunktes fährt sich das aufgetankt rund 170 Kilogramm schwere Bike ausgesprochen agil. Spurstabil werden Biegungen auch bei großer Schräglage durchfahren, es gibt auch keine nennenswerte Aufstellneigung beim Bremsen in Kurven. Der Federweg ist mit 150 Millimetern vorne wie hinten üppig, die Dämpfung arbeitet zufriedenstellend, wobei das hintere Federbein in sieben Stufen verstellbar ist. Nicht perfekt ist die vordere Scheibenbremse: Sie neigt zu Fading, zudem ist der Druckpunkt schlecht spürbar.

Das Triebwerk ist erfreulich elastisch. Bereits ab 4000 Kurbelwellenumdrehungen setzt Schub ein, doch so richtig los legt der Motor erst zwischen 9000 und 12 000 Touren. Hohe Leistung bei kleinem Hubraum lässt sich eben nur über die Drehzahl realisieren. Trotz fester Lagerung im Rahmen überträgt der 90-Grad-V2-Motor angenehmerweise fast keine Vibrationen auf das Fahrwerk. Der Klang der Varadero 125 ist angenehm erwachsen, auch bei den bauartbedingt notwendigen hohen Drehzahlen ist der Sound überraschend voll, beinahe sonor. Das abgasreduzierende Sekundärluftsystem arbeitet so gründlich, dass die Grenzwerte der EURO-1-Abgasnorm deutlich unterschritten werden.

Sieht man einmal von der nicht ganz überzeugenden Vorderbremse ab, liefert Honda mit der Varadero 125 für allerdings auch nicht gerade günstige 8770 Mark viel Motorrad: ein gutes Fahrwerk, solide Fahreigenschaften, ein leistungsfähiges Triebwerk und dazu ein properes Outfit. Wer noch mehr ausgeben will, kann aufrüsten: beispielsweise mit der größeren Scheibe für 141 Mark oder einem Gepäckträger mit 45-Liter-Topcase samt Nylon-Innentasche für 491 Mark. Schade, dass auch der Hauptständer nur als Zubehör angeboten wird und nicht zur Serienausstattung gehört - die 99 Mark sollten im Grundpreis eigentlich enthalten sein.

Von Doris Wiedemann