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Gedanken zur künftigen Mobilität (3):Der ganz normale Wahnsinn

Der ständige Ausbau der Autobahnen mit zusätzlichen Fahrspuren gleicht dem Wettlauf des Hasen mit dem Igel. Ist die Staugefahr fürs erste beseitigt und läuft der Verkehr dort flüssiger als vorher, wird neuer Verkehr angezogen - Autofahrer, die das attraktivere Angebot in Anspruch nehmen oder die gewonnene Zeit dafür nutzen, längere Strecken zurückzulegen. Solche Erfahrungen sind nicht neu für die Verkehrsplaner, werden aber bis heute geflissentlich ignoriert. In jedem Fall endet die vorgeblich freie Fahrt in den Siedlungsgebieten, wo neue Fahrspuren nur möglich wären, wenn man die Häuser abreißen und den öffentlichen Raum vollends für das Automobil zurichten würde. Das will dann doch keiner.

Mehr Radfahrer und Fußgänger

Im Gegenteil: Alle Kommunalpolitiker, alle Verkehrsplaner wünschen sich mehr Radfahrer, mehr Fußgänger und einen noch leistungsfähigeren Personennahverkehr - natürlich immer unter der Voraussetzung, den Autoverkehr nicht über Gebühr einzuschränken, was in diesem Fall wörtlich zu nehmen ist. Wer das schafft, kann auch Wasser in Wein verwandeln. In der realen Welt aber kann auf begrenztem Raum den einen nur gegeben werden, wenn den anderen genommen wird. Den Mut muss man erst einmal aufbringen. Deshalb ist städtische Verkehrspolitik bis heute und mit Ausnahme einiger deutscher Städte reine Kosmetik.

Deshalb müssen sich Busse durch zugeparkte Gassen zwängen, deshalb werden S-Bahntrassen für ein Wahnsinnsgeld durch unterirdische Röhren verlegt, anstatt oberirdisch Schneisen in den Asphalt zu schlagen, auf denen sich mit Vorrang und in schnellem Takt Straßenbahnen hin- und herbewegen. Und deshalb werden die Radfahrer mit den Fußgängern auf engem Raum zusammengespannt zu einer Schicksalsgemeinschaft, oft nur getrennt von einer lächerlichen weißen Linie, die zu überschreiten schon bei der Begegnung zweier Kinderwagen unumgänglich sein kann. Sicherheit? Sicherheit für wen?

Brutale Veränderungen

Es ist die Sicherheit des Autofahrers, der sicher sein kann, auf seiner Fahrbahn jedenfalls von keinem Radfahrer aufgehalten zu werden. Kein Mensch mit Verstand würde Mobilität auf diese Weise organisieren, wenn er die ideale Stadt auf dem Reißbrett entwerfen könnte. Aber die Städte sind nun einmal so gewachsen, mit all den Fehlern und Korrekturen, die im Lauf der Jahrzehnte aufeinanderfolgten. Die Verheißungen, die sich mit dem Automobil verknüpften und sich vor dem Auftauchen der Grünen durch die Wahlwerbespots beider Volksparteien zogen, diese Verheißungen führten zu einem massenhaften Freiheitsentzug für alle, die sich ohne Motorkraft durch die Städte bewegten. Fast schon ist vergessen, wie brutal der öffentliche Raum an vielen Stellen verändert wurde.

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