Der Leuchtturm aus der Bierwerbung:Geblendet im Kochtopf

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"Westerheversand is een Lüchttoorn, de op de Halfinsel Eiderstedt bi dat Dörp Westerhever stahn deit" - der legendäre Leuchtturm wird 100 Jahre alt. Ein nordfriesisches Jubiläum, und reich an Anekdoten.

Richard Kähler

Was Westerheversand ist? - Für die Bewohner der Inseln und Küsten Nordfrieslands keine Frage: "Westerheversand is een Lüchttoorn, de op de Halfinsel Eiderstedt bi dat Dörp Westerhever stahn deit." Ins Deutsche übersetzt, heißt das: Westerheversand ist ein Leuchtturm, der auf der Halbinsel Eiderstedt beim Dorf Westerhever steht. Genau.

Der Leuchtturm aus der Bierwerbung: 52.389 Mark kostete der Turm im Jahre 1907.

52.389 Mark kostete der Turm im Jahre 1907.

(Foto: Foto: WSA Tönning)

Oder noch genauer: Weil 1906, als der Bau des für das Wattenmeer dringend benötigten Leuchtfeuers beschlossen wurde, keiner im Dorf etwas von seinem Land verkaufen wollte, wurde der Turm kurzerhand außerhalb des Deiches, der die kleine Gemeinde vor der Nordsee schützte, errichtet. 52.389 Mark kostete der Turm, 14.620 Mark die Laterne - das alles auf staatseigenem Grund im ewig feuchten Vordeichgelände, zwischen Prielen und Sielen, Salzwiesen und Sandbänken, irgendwo im Nirgendwo zwischen Land und Meer.

Werbemotiv von der urigen Halbinsel

Da steht er, 100 Jahre nach Fertigstellung im Juli 1907, heute immer noch. Trotz aller Stürme, trotz aller Fluten, trotz aller Stilllegungs- und Abbruchpläne. Und noch immer weist das 40 Meter hohe, 21 Seemeilen weit zu sehende Leuchtfeuer - Kennung: drei Lichtblitze in 15 Sekunden - der Schifffahrt nächtens den Weg. Auch die rund 120 Bewohner des Dorfes Westerhever wollen den Turm nicht mehr missen. Denn kommt die Rede auf die urige Halbinsel Eiderstedt, denken viele Touristen nicht mehr nur an den Badeort St. Peter-Ording, sondern bekommen leuchtende Augen beim Wort Westerheversand: "Ach, der! Der schöne Leuchtturm aus der Bier-Werbung."

Seitdem eine ostfriesische Brauerei den rot-weißen Turm mit seinen beiden schmucken Wärterhäuschen in den siebziger und achtziger Jahren massiv als Werbemotiv einsetzte, obwohl der, wie Lokalpatrioten bekrittelten, nicht im niedersächsischen Ostfriesland, sondern im schleswig-holsteinischen Nordfriesland steht, konnte sich kaum ein Bundesbürger mehr des Gefühls erwehren, dass er diesen Leuchtturm kennt. Selbst, wenn er ihn noch nie mit eigenen Augen gesehen hatte - weder von der Seeseite noch von Land.

Geblendet im Kochtopf

Von Land aus hat sich das mittlerweile millionenfach geändert. Aber Heinrich Geertsen, der letzte Leuchtturmwärter von Westerheversand, hat nicht nur die rapide wachsende Popularität des Turmes, sondern auch noch dessen einstige Einsamkeit am eigenen Leibe erlebt. Denn 1954, als Heinrichs Vater als Leuchtfeuerwärter auf Westerheversand angestellt wurde und mit seiner Familie in eines der beiden Wärterhäuser zog, lernte der damals 19-Jährige das Leben dort draußen auf dem aufgeschütteten Warfthügel tausend Meter hinterm Deich besser kennen, als ihm eigentlich lieb war.

Leuchtturmwärter Heinrich Geertsen

Heinrich Geertsen: "Leuchtturmwärter wie mein Vater wollte ich eigentlich nie werden."

(Foto: Foto: Michael Pasdzior)

Heute kann jeder Besucher des Leuchtturmes die Leiden des jungen Heinrich selbst nachvollziehen, wenn er nach einem bequemen, rund 20-minütigen Spaziergang über den neuen breiten Betonweg für seinen Rückweg zum Deich den historischen Stockenstieg wählt. Ein glitschiger, gerade mal 30 Zentimeter breiter Lehmziegelpfad mit schmalen Bretterstiegen über Wassergräben und Priele, der bis Anfang der achtziger Jahre die einzige Verbindung zwischen Leuchtturm und Festland war.

Land unter im Herbst und Winter

Täglich musste sich Heinrich Geertsen über diesen unwirtlichen Weg zu seiner Arbeitsstelle auf Eiderstedt kämpfen: "Das hat mir so manche schlaflose Nacht bereitet", erinnert er sich. Nicht nur behindert durch Wind und Regen, Schnee und Eis, wütende Herbst- und Winterstürme, sondern auch 15 bis 20 Mal jährlich bei Neu- oder Vollmond durch die Springtide, bei der es dann vor dem Deich "Land unter" heißt und die vier Meter hohe Leuchtturmwarft zu einer einsamen Insel wird.

"Tja, Leuchtturmwärter wie mein Vater wollte ich eigentlich nie werden", seufzt Geertsen. Besonders, nachdem er am 17. Februar 1962, als eine verheerende Sturmflut, die auch weite Teile von Hamburg untergehen ließ, ihn schon am Nachmittag an der Rückkehr zum Elternhaus hinderte; die einzige Telefonverbindung zum Turm war zerstört und Geertsen musste stundenlang hilflos auf der Deichkrone im tosenden Sturm stehend zusehen, wie das Licht des Leuchtturm ebenso stoisch wie gespenstisch durch die schwarze Nacht blitzte.

In Gummistiefeln zur Dorfschule

Das prägt und lässt einen nicht wieder los. Obwohl Heinrich Geertsen 1964 nach seiner Heirat zunächst erleichtert aufs Festland zog, nahm er schon ein Jahr später das Angebot der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung an, seinem Vater im Leuchtfeuerdienst zu folgen. Und als Ehefrau Traute beim Umzug auf die Warft mit dem kleinen Sohn im Kinderwagen als Letzte durch das knöcheltiefe Wasser dahergeschoben kam, ahnte Geertsen, dass das Schicksal auch seinen Kindern einen täglichen harten Weg zur Westerhever Dorfschule sowie häufige Unterrichtsteilnahme in Gummistiefeln bestimmt hatte.

Geblendet im Kochtopf

Leuchtturm Westerheversand

Der Turm weist der Schifffahrt nordwestlich der Halbinsel Eiderstedt den Weg durchs Watt.

Die Familie versorgte sich meist selbst aus dem eigenem Garten auf der Warft, hielt Hühner, Schweine und Kühe, betrieb Fischfang im Priel; ab und an prallten auch ein paar Gänse oder Enten, durch das Leuchtfeuer geblendet, gegen den Turm und landeten im Topf. Dann peitschte im Januar 1976 ein Sturm die See so hoch wie nie zuvor, das Trinkwasserdepot im Fundament des Turmes wurde zerstört, die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung zeigte wegen der geplanten Automatisierung des Leuchtfeuers wenig Interesse an einer Renovierung und Geertsen siedelt seine Familie in ein Haus hinterm Deich um.

1979 schließlich wurde der Leuchtturm automatisiert und Heinrich Geertsen musste "wech" von seinem Turm. Ganz? - "Nö, mit dem Herzen nich", schießt es aus ihm hervor. Und mit dem Rest eigentlich auch nicht: Denn Geertsen wurde Wärter im Seezeichendienst und kontrollierte bis zur Pensionierung 1998 regelmäßig die inzwischen ebenfalls automatisierten Leuchtfeuer und Seezeichen in Büsum, St. Peter-Ording, Husum und Dagebüll, auf Pellworm, Föhr und natürlich Westerheversand. Und auch heute, mit 71 Jahren, vergeht kaum ein Tag, an dem er nicht draußen auf seinem Turm ist.

Nach der Trauung die Turmführung

Montags und mittwochs finden Besichtigungen im frisch renovierten Leuchtturm statt und an jedem Freitag kann im hübsch eingerichteten Trauzimmer hoch oben über den Salzwiesen geheiratet werden, ebenfalls mit anschließender Turmführung. Bei denen spult Geertsen dann gut gelaunt sein Lebensgarn ab und damit das seines Turmes. Der steht seit jetzt 100 Jahren auf einem Betonfundament, das sich auf 127 in den Boden gerammte und 7,75 Meter lange Kieferpfähle stützt. Der Turm selbst besteht aus 608 gusseisernen Teilstücken, die 150 Tonnen wiegen - neun Stockwerke oder 157 Treppenstufen hoch.

Seit 1974 leuchtet eine 2000 Watt starke Xenonlampe oben im Turm; ersetzt wurde damit die ursprüngliche Lichtbogenlampe, deren Kohlebrennstäbe nach neun Stunden abgebrannt waren und erneuert werden mussten. Rund 10 000 Mal hat Geertsen während seiner Dienstzeit diese Handgriffe sicher und blitzschnell praktiziert: "Genau eine halbe Minute hat das gedauert", erinnert er sich stolz. Und zur Jubiläumsfeier an diesem Wochenende wird er eine solche Bogenlampe noch einmal entzünden. Leuchtturmwärterherz, was willst Du mehr?

Vielleicht noch einen Schnaps zum Feierabend. Auch Rainer Lippky, der Wirt des Westerhever Kirchspielkrugs, ist zufrieden: "Ja, der Turm ist nicht nur ein Segen für die Schifffahrt, auch für uns", lächelt er und schaut wohlgefällig durch die volle Gaststube. Und dann ertönt leises Gläserklirren und dazu der alte Eiderstedter Trinkspruch "Et gah uns wohl op unse olen Dage" - Es geht uns gut auf unsere alten Tage.

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