BMW R 1100 RT Ohne Sturzbügel auf die Reise

Trotz hohen Gewichts ein überraschend agiles Motorrad

(SZ vom 09.03.1996) Das Tourenmotorrad wolle man neu definieren - das und nicht weniger, so BMW, sei die Entwicklungsabsicht bei der R 1100 RT gewesen. Die jüngste Version der Vierventil-Boxerbaureihe solle alles besser können als sämtliche Tourer vor ihr. Wir haben dem Neuling gründlich auf den Zahn gefühlt. Nach mehr als 2700 Kilometern Testfahrt lautet das Fazit: Die neue BMW legt in der Tat die Meßlatte höher. Trotz des hohen Gewichtes von 285 Kilogramm ist die RT ein überraschend agiles, leicht zu handhabendes Motorrad. In Verbindung mit dem sicheren, perfekt federnden und dämpfenden Fahrwerk stellt sich ohne lange Eingewöhnungszeit auf Straßen und Sträßchen aller Kategorien sehr schnell Fahrspaß ein: Trotz ihrer mächtigen Erscheinung ist die RT richtiggehend kurvengierig. Untermauert wird dieses gute Feeling durch die außergewöhnlich guten Bremsen, die zudem serienmäßig über ein Antiblockiersystem verfügen.

Der 1100er Boxermotor ist mittlerweile bekannt: 66 kW (90 PS) Leistung schüttelt er aus dem Ärmel. Die Testmaschine wies das bei vielen Vierventil-Boxermotoren immer wieder bekrittelte Ruckeln im Teillastbereich nicht auf, sondern gab sich als harmonischer Partner mit - gemessen an den Fahrleistungen - sehr genügsamen Trinksitten: Der Verbrauch schwankt zwischen knapp fünf und wenig über sechs Liter Superbenzin. Der 26-Liter- Tank ermöglicht 400-Kilometer-Etappen. Die Fahrleistungen sind exzellent: Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei fast 210 km/h, der Durchzug macht souveränes Vorankommen leicht, da die Übersetzung stimmt. Das Getriebe des Testmotorrades gab sich ausreichend leichtgängig und präzise.

Über Wohl oder Wehe eines Tourenmotorrads entscheiden Sitzkomfort und Verkleidung. Hier sammelt die neue RT ausschließlich Pluspunkte: Wind- und Wetterschutz sind makellos, dank höhen- und neigungsverstellbarer Scheibe sowie der dreifach verstellbaren Sitzbank sind Fahrer zwischen 1,65 und zwei Meter Größe perfekt bedient. Kräftiger gewachsene Mitfahrer würden sich über ein paar Zentimeter zusätzlicher Sitzbanklänge freuen, denn der Soziusplatz ist zu hart.

An der Ausstattung hat BMW nicht gespart: Geregelter Katalysator, Gepäckkoffer, einstellbarer Bremshebel, per Handrad vorstellbare Federbeinbasis - sogar eine wirksame Warmluft-Heizung für klamme Finger ist vorhanden; der Gepäckträger ist sehr groß, die Zuladung mit gut 200 Kilogramm hoch. Erfreulich sind weiterhin das sehr gute Licht, die Rückspiegel und das leichtgängige Aufbocken.

Wer nun glauben würde, BMW wäre als erstem Hersteller das '100-Prozent-Motorrad' ohne jeglichen Makel gelungen, sieht sich jedoch getäuscht: Es gibt keinen Sturzbügel, der bei einem Umfaller teure Plastikschäden verhindern würde, auch die Hupe ist nicht ideal bedienbar. Das Befestigungssystem und die Aerodynamik der Koffer sind zwar feinsinnig, doch erfordert ihre Bedienung ständiges Hantieren mit dem Schlüssel, zudem sind die innen zerklüfteten Koffer nicht optimal nutzbar.

Das absolut perfekte Reisemotorrad läßt also weiter auf sich warten, die R 1100 RT begnügt sich zum Preis von 24 959 Mark mit 98 von 100 möglichen Prozentpunkten.

Von Ulf Böhringer