"Es gibt viele kleine Erfolge und in wenigen Fällen einen wirklichen Durchbruch": Die Krebsforschung zwischen "Wissensexplosion" und alten Problemen.
Präsident Richard Nixon hat 1971 einen Krieg erklärt, von dem er kaum ahnen konnte, wie langwierig er sein würde. Nixon stellte den erfolgreichen War on Cancer in eine Reihe mit der Kernspaltung und der Mondlandung. Er wollte, dass die USA das reichste und das gesündeste Land werden. Fast 40 Jahre nach Nixons fortschrittsgläubiger Kampfansage hat kein Land der Welt den Krebs besiegen können. Um Fortschritte in Diagnostik und Therapie bösartiger Tumoren geht es von Mittwoch an in Genf, wo sich Experten aus 120 Ländern zum Weltkrebskongress treffen.
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Für krebskranke Kinder haben sich die Aussichten in den vergangenen Jahren verbessert. (© Foto: Reuters)
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"Krebs ist längst nicht mehr gleichbedeutend mit einem Todesurteil", sagt Otmar Wiestler, Vorsitzender des Deutschen Krebsforschungszentrums. "Etwa 50 Prozent aller Patienten können dauerhaft geheilt werden, in den 70er Jahren waren es nur etwa 25 Prozent." Der von Nixon proklamierte Krieg gegen den Krebs sei zwar noch lange nicht gewonnen, aber der Forschung und der öffentlichen Wahrnehmung des Leidens habe die Kampagne enormen Schub verliehen.
"Es gibt viele kleine Erfolge und in wenigen Fällen einen wirklichen Durchbruch", sagt Christoph Rochlitz, Leitender Onkologe am Universitätsspital Basel. Mit metastasiertem Hodenkrebs hatten Männer vor 30 Jahren kaum eine Chance, heute werden 90 Prozent geheilt. Den Lymphdrüsenkrebs Morbus Hodgkin überleben heute 90 statt früher 50 Prozent der Patienten. "Vor 30 Jahren waren trotz Chemotherapie bei bestimmten Formen chronischer Leukämie nach fünf Jahren alle Patienten tot", sagt Rochlitz. "Heute sprechen 97 Prozent der Kranken auf die Therapie an."
Jedes Jahr erkranken in Deutschland 436.000 Menschen an Krebs, 211.500 sterben jährlich an einem bösartigen Tumor. Auch Kinder sind betroffen, etwa 1800 trifft die Diagnose Krebs jedes Jahr. Die Hälfte leidet unter Leukämien und Lymphomen; zudem sind Kinder häufig von Hirntumoren, Krebs des Nervensystems und der Niere betroffen. Dank verbesserter Therapien überleben in Deutschland mittlerweile 80 Prozent der krebskranken Kinder und Jugendlichen.
Die Gründe für den Erfolg sind vielfältig. "Mehr als ein Dutzend Faktoren führen etwa dazu, dass heute nur 30 statt früher 60 Prozent der Frauen mit Brustkrebs in den nächsten 20 Jahren sterben", sagt Rochlitz. In 80 Prozent der Fälle kann der Tumor entfernt werden, sodass die Brust erhalten bleibt. Zielgenaue Medikamente und bessere Bestrahlungs- und Operationstechniken haben dazu beigetragen. "Wir haben eine Wissensexplosion", sagt Wiestler. "Eine kausale, zielgenaue Therapie ist oft möglich und wir können den Krebs an der Wurzel packen." Das sei wichtig, auch wenn nicht jede Therapie zur Heilung führe.
Manchmal stößt die Behandlung auch an Grenzen, etwa wenn eine schonende Chemotherapie 70 Prozent der Frauen den Eierstockkrebs fünf Jahre lang überleben lässt, eine heftige Chemotherapie 75 Prozent. "Hier müssen Patientinnen abwägen, wie viele Belastungen sie auf sich nehmen, um ihre Überlebenschance etwas zu verbessern", sagt Rochlitz. Aufgabe der Zukunft sei es daher, zu erkennen, welchen Patienten welche Therapie besonders nützt. "Man muss neue Ziele in Tumoren finden, die Medikamente maßgeschneidert angreifen können", sagt Rochlitz. "Wahrscheinlich würde konsequente Prävention aber mehr Krebs verhindern als alle Forschung - wenn niemand mehr eine Zigarette anzündet, ließen sich 95 Prozent aller Lungenkrebse verhindern."
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(SZ vom 26.8.2008/beu)
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xenia2,
ich würde - vorsichtig formuliert - sagen, diese Meinung teile ich nicht: Ärzte, die onkologisch tätig sind, sind sehr wohl an der Lösung des Problems interessiert. Genauso muss man der Pharmaindustrie, bei aller gebotenen Kritik, sicher zugute halten, dass Sie primär eine Verbesserung der Therapie anstreben. Wirtschaftliche Erwägungen spielen immer eine Rolle, das ist aber an sich auch nicht anrüchig.
Sicher ist es für Manche schwer zu begreifen, wenn eine neue Therapie, die das Überleben von Krebspatienten um zwei Monate verlängert als Durchbruch gepriesen wird.
Wenn man den genauen Kontext nicht kennt, ist das in der Tat befremdlich. Schaut man aber genauer hin, kann das für den einzelnen Patienten durchaus von großer Bedeutung sein.
Krebs ist eine komplexe Sache, sowohl in der Entstehung als auch in der Therapie. Wer nach einfachen Lösungen sucht, wird abseits der Scharlatanerie, keine finden.
Zitat: ""Wahrscheinlich würde konsequente Prävention aber mehr Krebs verhindern als alle Forschung - wenn niemand mehr eine Zigarette anzündet, ließen sich 95 Prozent aller Lungenkrebse verhindern.""
Aber wir diskutieren lieber jahrelang über Rauchverbote in Kneipen, anstatt zu handeln. Und noch schlimmer, die Regierung traut sich nicht die Steuern für Tabak stärker zu erhöhen, da dann ja zu viele mit Rauchen aufhören und Steuereinnahmen fehlen.
Mag sein. Aber Wissen kann irgendwann nicht mehr steigen, wenn das Verständnis nicht da ist. Die Krebsforschung ist vergleichbar mit einem guten Fahrer, der keine Ahnung von Technik hat. Dieser kann zwar das Fahrzeug bedienen, ohne zu verstehen, wie dieses funktioniert. Früher oder später wird er jedoch in Situationen kommen, wo er mit Fahrkünsten alleine nicht weiterkommt.
Solange man nicht *versteht*, was Krebs ist, wird man ihn nicht *besiegen* können.
DW