Vom Blitz getroffen Greller Schicksalsschlag

Immer wieder werden Menschen vom Blitz getroffen - und überleben. Doch viele sind ihr Leben lang gezeichnet. Auf der Internationalen Konferenz der Blitzeinschlagüberlebenden in Tennessee suchen Opfer nach Wegen aus dem Trauma.

Von Julia Olbrich

Kaum länger als ein Augenzwinkern dauerte der Moment, der das Leben von Ignaz Wunder auf den Kopf stellen sollte. Es ist ein warmer Sommertag im Juli 2005, der 48-Jährige sitzt mit Freunden im Freien. Als ein Regenschauer aufzieht, sucht die Gruppe Schutz unter einem Sonnenschirm. Plötzlich gibt es einen ohrenbetäubenden Knall, ein Blitz fährt in den Schirm und trifft Ignaz Wunder.

Etwa 50 Menschen werden in Deutschland jährlich vom Blitz getroffen. Neun von zehn Opfern überleben.

(Foto: Foto: dpa)

Der gelernte KFZ-Mechaniker überlebt. Nach zwei Tagen wird er aus dem Krankenhaus entlassen. Ignaz Wunder hat Glück gehabt - und ist damit kein Einzelfall. Tatsächlich überstehen neun von zehn Menschen einen Blitzschlag. Gezeichnet sind sie allerdings oft ein Leben lang.

Auf der internationalen Konferenz der Blitzeinschlagüberlebenden, die am Donnerstag im US-Bundesstaat Tennessee begonnen hat, suchen Opfer nach Wegen aus dem Trauma.

Rund 1400 Mitglieder hat die amerikanische Selbsthilfegruppe LSESSI, die die Konferenz einmal im Jahr organisiert. Fast alle von ihnen leiden unter neurologischen und emotionalen Folgen, die ein Blitzeinschlag bei ihnen hinterlassen hat. Drei Tage lang dreht sich deswegen alles um Erfahrungsberichte, Expertenvorträgen und neue Therapiemethoden.

Traditionell wird außerdem der "Überlebende des Jahres" gewählt. 2006 ging der Titel an Linda Cooper, die in 24 Jahren viermal vom Blitz getroffen wurde. Den Rekord hält der inzwischen verstorbene Parkranger Roy Sullivan mit sieben Einschlägen. Er nahm sich 1983 aus Liebeskummer das Leben.

Weltweit gibt es nur wenige Experten, die sich mit Blitzeinschlägen und den Folgen für die Betroffenen beschäftigen. Blitze treffen Menschen selten. In den USA gibt es schätzungsweise zwischen 100 und 300 Opfer pro Jahr, in Deutschland sollen es zwischen 30 und 50 sein.

Es gibt keine Klinik, die sich auf die Behandlung von Blitzgeschädigten spezialisiert hat. Und nicht alle Überlebenden suchen einen Arzt auf. Nur wenige Mediziner oder Psychologen bekommen in ihrer Laufbahn mehr als einen Fall zu Gesicht.

Unerfahrene Ärzte

Einer von ihnen ist Ingo Kleiter von der Neurologischen Universitätsklinik Regensburg. Mit der Blitzforschung hat er sich in ein schwieriges Fachgebiet vorgewagt. "Die Folgen dieses Unglücks auf den menschlichen Körper sind extrem unterschiedlich. Da gleicht kaum ein Fall dem anderen." Häufig seien Mediziner deswegen bei der Behandlung von Blitzopfern überfordert.

Fred Zack, Rechtsmediziner am Universitätsklinikum Rostock, kennt das Problem: "Es gibt Unfälle, bei denen zwei Menschen beim Blitzeinschlag genau nebeneinander standen. Der eine wird nach wenigen Stunden aus dem Krankenhaus entlassen, der andere verstirbt nach Tagen auf der Intensivstation."

Trifft ein Blitz einen Menschen, können sich laut Zack mehrere 10.000 Ampere entladen. Damit könnte man mehrere Millionen 100-Watt-Glühbirnen auf einmal zum Leuchten bringen. Wie verheerend die Schäden sind, hängt von der Art des Einschlags ab.

Die schlechteste Prognose haben Opfer, denen der Blitz direkt in den Kopf fährt. Sie sind in der Regel sofort tot, der elektrische Stoß bringt das Herz zum Stillstand. Höhere Überlebenschancen haben Menschen, die der Blitz indirekt trifft: über Golfschläger, Telefonleitungen, elektrische Geräte, Wasser oder Bäume. Die zur Person fortgeleitete Energie ist im Vergleich zum direkten Treffer meistens geringer.