UN-Gipfel für nachhaltige Entwicklung Schweigen im Walde

Kohlendioxid in Biomasse zu binden, ist ein sinnvolles Mittel gegen den Treibhauseffekt - und wird leider häufig unterschätzt.

Von Christian Schütze

(SZ vom 20.08.2002) - Die Idee klingt simpel: Bläst der Mensch an der einen Stelle zu viel Kohlendioxid in die Atmosphäre, sollte er es andernorts wieder einfangen. Doch wie fängt man Milliarden Tonnen eines flüchtigen Gases ein, das die Atmosphäre aufheizt?

"Wald-Holz-Option" nennen Fachleute ein solches Mittel gegen den menschengemachten Treibhauseffekt. Doch häufig wird die Bedeutung von Wald und Holz als Kohlenstoffspeicher für unbedeutend gehalten - angesichts des Gesamtausstoßes an Kohlendioxid (CO2) aus der Verbrennung aller fossilen Energieträger.

Das ist sie nicht: In den achtziger Jahren wurden durch die Zerstörung von Wald 1,6 Milliarden Tonnen Kohlenstoff freigesetzt, aus industriellen und zivilisatorischen Aktivitäten 5,5 Milliarden Tonnen. Fast 25 Prozent der CO2-Emissionen kamen aus verbrannten Wäldern.

Etwa ein Viertel der Landfläche der Erde ist von Wald bedeckt. Vor 20 Jahren war es noch ein Drittel. Jährlich wachsen auf Erden 3,5 Milliarden Kubikmeter Holz. Davon wird etwa die Hälfte nur verbrannt. Wenn aber Holz, das vorher keiner anderen Nutzung gedient hat, massenhaft verbrannt wird, bedeutet dies ökonomisch gesehen Verschwendung, ökologisch betrachtet Schaden und klimapolitisch eine vergebene Chance.

Verfeuern, was zum besseren geschaffen ist

Allerdings sind die Menschen in den meisten Entwicklungsländern auf Holz als einzig erreichbaren Energieträger angewiesen. Sie müssen verfeuern, was zu besserem geschaffen ist. Um die Verschwendung zu stoppen, müssten diese Länder in die Lage versetzt werden, ihren steigenden Bedarf mit anderen Energieträgern zu decken. Dafür kommt auf lange Sicht nur Sonnenenergie in Betracht.

Wenn der Übergang zur Solarenergie nicht bald im größeren Stil beginnt, wird der Holzmangel ohnehin zur Katastrophe. Schon jetzt müssen immer mehr Menschen immer weitere Wege gehen, um an Feuerholz zu kommen. Jede Minute verschwindet auf dem Globus Waldfläche der Größe von 35 Fußballfeldern.

Die Südhemisphäre verliert dabei alljährlich 12 bis 15 Millionen Hektar Wald. Während dort zwischen 1980 und 2000 zehn Prozent der Waldfläche verloren gingen, ist sie in den Industrieländern des Nordens um drei Prozent größer geworden. Hier wächst mehr Holz nach, als geschlagen wird.

Allein in Deutschland beträgt der jährliche Zuwachs 6 Festmeter pro Hektar, geerntet werden nur 4,5 Festmeter. In diesem Fall ist die von der Rio-Konferenz 1992 geforderte Nachhaltigkeit übertroffen - sofern man nur die Menge betrachtet, nicht die Erntemethoden oder die ökologische Qualität der Wälder.

Allerdings wird auch auf der Nordhalbkugel zu viel Wald für Straßen, Siedlungen, Flugplätze geopfert. Oder er geht - wie in den USA und in Russland - durch riesige Brände verloren. Zudem werden die Wälder der Industriestaaten durch Abgase geschwächt.

Der Norden hat deshalb kein Recht, sich über die Waldvernichtung im Süden zu sehr zu erregen. Was im Norden hinzuwächst, gleicht Verluste im Süden kaum aus. Zudem kann Europa seine Wälder nur nachhaltig bewirtschaften und viel Holz verbrauchen, weil aus armen Ländern importiert wird.

Und direkt verbranntes Holz, das vorher keinem anderen Zweck gedient hat, deckt in Ländern wie Deutschland nur noch zwei bis drei Prozent des Primärenergiebedarfs. Der Großteil wird Baustoff, Papier oder Chemierohstoff.

Holzverbrauch hat sich mehr als verdoppelt

Insgesamt hat sich der Holzverbrauch weltweit in den letzten 50 Jahren mehr als verdoppelt - von 1,5 auf 3,5 Milliarden Kubikmeter. Jedes Jahr werden 100 Millionen Kubikmeter Holz mehr geschlagen als im Jahr zuvor. Im Jahre 2010 könnte der Bedarf bei 5,5 Milliarden Kubikmeter liegen. Für 2010 hat der amerikanische Forstwissenschaftler Urs Buehlmann von der University of North Carolina eine Versorgungslücke von 0,3 Milliarden Kubikmeter vorausgesagt.

Die meisten Entwicklungsländer fallen für eine Bindung von CO2 durch Wald aus. Auch Holzplantagen ändern daran nichts. Davon gibt es nach Rechnungen der FAO in Chile, Brasilien und Neuseeland etwa 70 Millionen Hektar.

In der Nord-Hemisphäre, wo die Grenze zwischen Naturwald und Plantage undeutlich ist, wird der Bestand auf 85 Millionen Hektar geschätzt. Plantagen von Kiefern oder Eukalyptus liefern nur sechs Prozent des globalen Holzbedarfs der Industrie. Zur Kohlenstoffbindung tragen sie wenig bei, weil das Holz oft bald wieder verbrannt oder nur zu Papier wird.

Für den Klimaschutz muss Kohlenstoff in Bäumen bestehender oder neuer Wälder gebunden und damit dem atmosphärischen Kreislauf möglichst lange entzogen werden. Das Kyoto-Protokoll erkennt Wälder als "Kohlenstoffsenke" an; sie werden im Handel mit CO2- Emissionsrechten eine Rolle spielen.

"Wälder erhalten, neue begründen, aufforsten!"

Würde vom nachwachsenden Rohstoff Holz mehr nachhaltiger Gebrauch gemacht, könnte das doppelt wirken: "Wälder erhalten, neue begründen, aufforsten!" sind bekannte Parolen.

Dabei ist der Urwald zwar ein stabiler Kohlenstoffspeicher, im Reifezustand aber CO2 -neutral: er gibt durch Biomasseverrottung am Boden so viel Kohlenstoff ab, wie er durch Wachstum bindet.

Wird dagegen einem Wirtschaftswald regelmäßig reifes Holz entnommen und zu langlebigen Produkten verarbeitet, bleibt der Kohlenstoff der Atmosphäre solange entzogen, bis ein Holzprodukt nach langer Nutzung verbrannt wird.

Ein zweiter Beitrag von nachhaltig genutztem Holz besteht darin, dass die Herstellung von Holzprodukten weniger Energie aus Kohle und Öl erfordert, als wenn das gleiche Produkt zum selben Zweck aus Stahl, Aluminium oder Plastik hergestellt wird.

Entsprechend weniger Kohlendioxid wird emittiert. Wenn argumentiert wird, Baustoffe wie Stahl und Aluminium ließen sich unbegrenzt rezyklieren und seien damit überlegen, so wird unterschlagen, dass dieses Recycling immer neue Energie verlangt.

Null-Energie-Wohnhäuser aus Holz für grüne Avantgardisten

An Energiebilanzen dazu fehlt es nicht. Aus Sicht eines Energierationalisten spricht alles für Holz, das dank kostenloser Sonnenenergie wächst. Doch besteht die Menschheit nicht aus Energierationalisten, und der Designersessel aus Stahl bietet für die meisten Laien eben mehr "high-tech appeal" als die fabelhafte Ökobilanz eines noch so wohlgeformten hölzernen Schaukelstuhls.

Auch der moderne Bau ist nach Meinung der meisten Leute aus Stein, Stahl, Beton und Glas konstruiert. Holz haftet der Geruch von "früher" an, ist altmodisch, krumm und langweilig.

Kühne Tragwerkskonstruktionen aus raffiniert verleimten Bretterverbänden sind eher etwas für Freunde von Experimenten, Null-Energie-Wohnhäuser aus Holz für grüne Avantgardisten.

Trotzdem: Könnte der Anteil von Gebäuden in Holzbauweise bei uns von heute 9 auf 35 Prozent gesteigert werden, würden jährlich 8,5 Millionen Tonnen CO2 gebunden. Das wären fünf Prozent der Emissionen in Deutschland, heißt es in einem Manifest von Forstwissenschaftlern, mit dem die Bundesregierung 1999 aufgefordert wurde, die Wald-Holz-Option international zu propagieren.

Die Wald-Holz-Option erscheint angesichts der gewaltigen CO 2-Emissionen zwar als unbedeutend: In deutschen Wäldern ist gerade zehnmal so viel Kohlenstoff gebunden, wie in einem Jahr durch Heizung, Verkehr und Industrie aus fossilen Energiequellen freigesetzt wird.

Wollte man dieses CO2 binden, müsste die deutsche Waldfläche alle zehn Jahre verdoppelt werden. Dennoch gilt: Wälder erhalten und begründen, langlebige Holzprodukte verwenden, Holzhäuser bauen und Holz, in das Arbeit investiert wurde, wiederverwenden! Klimaschutz kann nur gelingen, wenn kleine Beiträge nicht verachtet werden. Die Wald-Holz-Option ist nicht der geringste.