Umweltschutz "Wir brauchen eine Kultur der Bescheidenheit"

Kein anderer hat in den vergangenen Jahrzehnten den Natur- und Umweltschutz derart geprägt wie Hubert Weinzierl. Im Interview kündigt er an, dass er auch in Zukunft vor hat, sich einzumischen - von der Energiewende bis zur Umweltbildung.

Von Horst Hamm und Ilona Jerger

natur: Herr Weinzierl, die Energiewende gerät in letzter Zeit zunehmend ins Stocken. Sie sagen, dass wir zum Gelingen auch eine Kulturwende brauchen. Was meinen Sie damit?

Weinzierl: Das heißt, kurzgefasst, dass wir die Erkenntnisse, die wir längst gewonnen haben, radikal umsetzen müssen. In zahlreichen Konferenzen, Tagungen und Studien ist zur Lage und Zukunftsfähigkeit der Menschheit sowie ihrer Umwelt alles geschrieben und gesagt worden. Nie zuvor war Wissen so global und fast an allen Orten der Welt abrufbar. Außerdem existieren ausreichend abgesicherte Handlungsempfehlungen, wie wir aus dem Dilemma der weltweiten Krise herausfinden können. Doch an der Umsetzung hapert es. Es muss nun endlich anstelle der Politik der winzigen Schritte etwas vollkommen Neues kommen.

Und was ist dieses Neue?

Wir müssen einsehen, dass naturwissenschaftliche und technische Krisenbewältigung alleine nicht mehr genügen. Dass der Schlüssel zur Zukunftsfähigkeit der Menschheit in der Änderung der Lebensstile liegt. Worum es also geht, ist, weg zu kommen von der Rücksichtslosigkeit des globalen Naturverbrauchs hin zu einer Kultur der Bescheidenheit. Dieser Geist sollte von uns, von Deutschland, von Europa ausgehen, er sollte also von dorther kommen, wo auch der Ungeist der Weltausbeutung seinen Lauf genommen hat. Wir brauchen eine Nationalökonomie des Gesundschrumpfens anstatt des Zu-Tode-Wachsens. Wir brauchen einen Rettungsschirm für den Naturhaushalt!

Diese Kultur der Bescheidenheit scheint aber noch sehr weit weg zu sein. Politik und Wirtschaft setzen nach wie vor auf Wachstum. Wir zitieren Bundeskanzlerin Angela Merkel: "Wachstum zu schaffen ist das Ziel unserer Regierung - ohne Wachstum keine Investition, ohne Wachstum keine Arbeitsplätze, ohne Wachstum keine Bildung, kein Fortschritt."

Ja, da ist von Nachhaltigkeit keine Rede. Das Wachstumssystem wird noch immer als Ersatzreligion verehrt, obwohl es längst gescheitert ist. Denn wir können nicht auf Dauer - man kann es so banal sagen - mehr verbrauchen, als der Globus hergibt.

Bleiben wir noch bei unserer Kanzlerin. Sie sprechen ja gelegentlich mit Angela Merkel über Fragen zu Natur und Umwelt. Wie reagiert sie auf Ihre Forderung nach einer Kulturwende? Es scheint ja bei ihr wenig angekommen zu sein...

Also ich schätze dennoch, dass sie es begriffen hat. Das ist ja schon etwas! Denn viele haben das Thema noch nicht verinnerlicht. Ich habe Frau Merkel am nachdenklichsten nach Fukushima erlebt. Bei einem früheren Gespräch hat sie zu mir gesagt: "Herr Weinzierl, über Kernenergie brauchen wir gar nicht miteinander reden, da haben wir verschiedene Standpunkte, die respektieren wir." Seit Fukushima ist das alles anders. "Ich habe mich getäuscht", hat Frau Merkel gesagt. Und das war ehrlich. Das hat sie immer wieder betont. Ansonsten habe ich sie in der Umweltauseinandersetzung eigentlich immer auf meiner Seite gesehen.

Aber passiert ist dennoch zu wenig - siehe Merkels Haltung zu den Autoabgasen, das Stocken in der Klimapolitik, im Öko-Landbau...

...jetzt kommt das große "Aber": Sie konnte sich weder national noch international richtig durchsetzen. Umweltpolitik hat weder in Deutschland noch international den Stellenwert, den die Wirtschaftspolitik hat. Und genau da setzt meine Kritik an - an den Wirtschaftspolitikern, die nicht kapieren, dass eine gesunde Wirtschaftspolitik nicht auf unendlichem Wachstum beruhen kann. Deshalb war es im Zweifelsfall immer so, dass eine Delegation aus der Wirtschaft kam, sobald die Umweltbewegung die Regierung von einem Thema überzeugt hat - und danach war wieder alles anders. Die Wirtschaftslobbyisten haben einfach nach wie vor die besseren Karten.

Dennoch ist in den letzten Jahren und Jahrzehnten erfolgreiche Umweltpolitik gemacht worden...

Aus natur 9/2013

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  • natur 9/2013

    Der Text stammt aus der September-Ausgabe von natur, dem Magazin für Natur, Umwelt und nachhaltiges Leben. Er erscheint hier in einer Kooperation - mehr aktuelle Themen auf natur.de...

Aber natürlich! Die Umweltpolitik hat in der Zwischenzeit große Erfolge verbuchen können - die Gewässer zum Beispiel wurden sauberer, die Luft wurde reiner - wir haben jetzt eine gute Administration, wir haben Umweltministerien, wir haben nationale und internationale Gremien, eine NGO-Bewegung, die sich sehen lassen kann - und trotzdem tritt die Nachhaltigkeits- und Umweltpolitik nun auf der Stelle.

"Riesige Lücken in der Klimapolitik"

Wir haben riesige Lücken in der Klimapolitik, wo doch alle Fachleute sagen, wo wir langzugehen haben. Früher hat man uns immer vorgeworfen: "Das sind ja alles nur Hirngespinste, dafür habt ihr keinerlei Belege." Heute braucht man zu all diesen Themen nur die Regierungsakten zu studieren. Wenn ich heute ein Gespräch mit Umweltministern führe, da widerspricht mir keiner mehr. Aber grundsätzliche Reformen unseres Wirtschaftens haben wir bisher nicht erreicht. Und es ist auch noch nicht gelungen, den Begriff der Nachhaltigkeit in unserer Gesellschaft zu verankern.

Welche Parameter hat Ihre Kultur der Nachhaltigkeit?

Wir brauchen vor allem anderen eine Kultur des Miteinander. Ich will das einmal bildlich ausdrücken: Wir brauchen eine doppelte Staatsbürgerschaft für jeden Menschen auf dieser Erde. Nämlich eine für seinen Staat und eine in der Schöpfungsgemeinschaft. Das heißt, zu einer Kulturwende gehört, dass wir fairer miteinander umgehen und die Mitgeschöpfe einbinden.

Gestatten Sie mir dazu eine persönliche Anmerkung: Über meiner Kindheit lagen die Schatten des Zweiten Weltkriegs. Sirenengeheul und Luftangriffe trieben mich in die Flucht, in die Auwälder, an die Donau, in die Natur. Doch kaum hatte ich sie kennen und lieben gelernt, da begann in den 50er Jahren vor meinen Augen der Dritte Weltkrieg, der Stück für Stück diese Paradiese wegraffte. Statt Panzer kamen Planierraupen, und die Flieger warfen statt Bomben Pestizide vom Himmel. Ich fühlte mich förmlich gezwungen, in den Widerstand zu gehen.

Alle, die damals im Naturschutz aktiv waren, sagten, dass wir dazu eine Gegenbewegung starten müssen. Wenn man so will, haben wir seinerzeit bereits eine Kulturwende gefordert. Diese Auseinandersetzung mit Werten und Lebensstilen hat nichts mit Verzicht und Askese zu tun, sondern mit Lust auf Natur! Die kleine Welt im Herzen tragen und die große Welt im Blick behalten - das ist die zentrale Herausforderung des neuen Denkens.