Die einen Experten vermuten 4000 Krebstote, die anderen 93.000. Die Folgen der Strahlen sind schwer abzuschätzen. Klar ist, dass die Betroffenen des Nuklear-Unfalls betreut und immer wieder untersucht werden müssen - ihr Leben lang.
Wer in jenen Tagen in Pripjat, Gomel oder Bryansk nicht gerade einen Geigerzähler in der Tasche hatte, konnte die Gefahr kaum ermessen. Für Radioaktivität besitzt der Mensch kein Sinnesorgan, nichts warnt ihn davor, verstrahlte Milch zu trinken, nichts hält ihn an, vor einer Wolke zu fliehen, die Geigerzähler zum wilden Knattern bringt.
Ein verlassener Kindergarten in der Stadt Pripyat: Die Opfer von Tschernobyl sind noch gar nicht geboren. (© Foto: dpa)
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Auch die sowjetischen Behörden, die die Bedeutung des Unfalls im Block vier des Kernkraftwerks Tschernobyl kannten, ließen sich Tage Zeit mit der Evakuierung betroffener Orte; darum war und ist die Gesundheit von etwa sieben Millionen Menschen der Dreiländer-Region Ukraine, Weißrussland und Russland bedroht.
Wie groß die Gefahr tatsächlich ist, weiß aber niemand genau. Experten verschiedener Denkschulen haben vor dem 20. Jahrestag der Explosion lautstark gestritten - 4000 bis 93.000 Krebstote nannten sie als Folge des Nuklear-Unglücks.
Eine Reihe von Fakten ist freilich unumstritten: Bei der Explosion und dem Brand wurde eine gewaltige Menge strahlender Nebenprodukte der Kernspaltung aus dem Reaktor geschleudert. Physiker messen Radioaktivität in Becquerel, das ist die Menge Material, durch die ein Zerfall pro Sekunde entsteht.
Freigesetzt wurden vierzehn Milliarden Milliarden (1018) Becquerel, wie UN-Organisationen berechnet haben. Ein gutes Zehntel machte Jod-131 aus, ein Sechzigstel stammte von Cäsium-137. Von den Mengen her erscheinen die Stoffe fast harmlos: 383 Gramm Jod und 26,4 Kilogramm Cäsium gelangten in die Umwelt.
Kleine Menge, großer Schaden
Das Missverhältnis zwischen Masse und Gefährlichkeit ergibt sich aus der Zerfallsrate, denn jedes zweite Jod-131-Atom zerfällt binnen acht Tagen, bei Cäsium-137 dauert das 30 Jahre.
Die Mengen mögen klein erscheinen, doch sie legten einen Strahlenteppich über ganz Europa. Besonders betroffen war die Region um das Kraftwerk: Dort sind 146.300 Quadratkilometer verseucht, von der 30-Kilometer-Sperrzone um den Reaktor bis zu Landstrichen der Zone IV, in denen die Radioaktivität zwar überwacht wird, aus denen aber niemand umgesiedelt wurde.
Der immensen Strahlung setzten sich zunächst etwa 1000 Katastrophenhelfer aus, die den Reaktor sicherten. Obwohl sie in 90-Sekunden-Schichten arbeiteten, erkrankten 134 an akuter Strahlenkrankheit. Die Strahlung hatte ihre Darmzellen und andere, sich ständig erneuernde Gewebe zerstört; 47 von ihnen sind daran gestorben.
Bei allen anderen Menschen, die sich in der Nähe des Reaktors oder unter der Wolke des Fall-outs aufhielten, hat die Strahlung womöglich langfristige Krankheiten ausgelöst, vor allem Krebs. Denn wenn energiereiche Teilchen aus zerfallenden Atomen das Erbgutmolekül DNS treffen, kann die Zelle entarten und unkontrolliertes Wachstum auslösen.
Jodcocktail für die Schilddrüse
Die Gefahr ging zunächst vor allem vom radioaktiven Jod aus. Es erreichte schnell die Milch der Kühe und verwandelte sie in einen Strahlencocktail, den Erwachsene und Kinder mangels Warnhinweisen tranken.
Jod-131 wird vor allem von der Schilddrüse aufgenommen, bis heute sind etwa 4000 Menschen in der Region an einem Tumor der Drüse erkrankt. Bei vielen war er ungewöhnlich aggressiv; neun Kinder sind bislang daran gestorben. Ihre Schilddrüse war einer Dosis von durchschnittlich 700 Millisievert ausgesetzt, bei manchen waren es sogar bis 15.000 Millisievert. Zum Vergleich: Die natürliche Hintergrundstrahlung beträgt im weltweiten Mittel etwa zwei Millisievert.
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