Steinzeit-Segeln Schilf Ahoi!

Ein "Experimental-Archäologe" will mit einem Schilf-Floß beweisen, dass man auch schon in der Steinzeit über den Atlantik segeln konnte. Ein Satellitentelefon allerdings ist an Bord. Ein Gespräch mit Kapitän Görlitz.

Interview: Marcus Müller

Dominique Görlitz überquert derzeit auf dem Schilfboot Abora III den Atlantik. Der "Experimental-Archäologe" aus Chemnitz will zusammen mit zehn Mitstreitern belegen, dass es in der Steinzeit möglich war, auf einem primitiven Boot den Ozean zu überqueren.

Auf dem Weg von New York über die Azoren nach Spanien muss Görlitz gegen Wind und Strömung ansegeln. Sein Vorbild, der norwegische Floßfahrer Thor Heyerdahl, kam immer mit der Strömung voran. Die SZ hat Görlitz 350 Seemeilen (650 Kilometer) vom Festland entfernt am Satelliten-Telefon erreicht.

SZ: Herr Görlitz, Sie segeln auf einem Schilfboot über den Atlantik. Wie wahnsinnig sind Sie eigentlich?

Görlitz: Überhaupt nicht, wir wissen, was wir tun. Das Boot schwimmt tadellos, wir sind erst vor einigen Tagen hart am Wind gesegelt. Das hat man bisher einem Schilffloß nicht zugetraut.

SZ: Ihre Fahrt ist auf der Webseite www.abora3.de zu verfolgen. Sehr weit sind Sie demnach noch nicht gekommen.

Görlitz: Wir sind in eine völlig untypische Wetterlage geraten. Wir hatten zehn Tage fast Flaute oder nur sehr leichte, drehende Winde mit weniger als zwei Knoten. Jetzt kommt endlich Wind auf. Wir merken auch den Einfluss der Gezeiten. Mal zieht uns die Strömung nach Westen, dann wieder nach Osten.

SZ: Sie wollten doch gerade zeigen, dass ein Schilfboot mit Seitenschwertern nicht zum Spielball der Strömung wird.

Görlitz: Das sind wir auch nicht geworden. Wir haben bei diesen sehr ungünstigen Bedingungen unsere Position gehalten. Das ist schon eine sehr wichtige Erkenntnis. Thor Heyerdahl wäre bei diesen Winden hoffnungslos nach Amerika zurückgetrieben worden.

SZ: Das klingt aber ernüchternd.

Görlitz: Nein, es kommt darauf an, genau solche Dinge zu erleben. Die Abora III ist wie eine Zeitmaschine. Sie soll rekonstruieren, wie Menschen mit solchen Bedingungen vor 6000 oder 10000 Jahren umgegangen sind. Außerdem hat das Schiff in der ersten Woche schon gezeigt, dass es am Tag mindestens 40 Seemeilen weit quer zum Wind segeln kann.

SZ: Was machen Sie und Ihre Crew denn die ganze Zeit bei Flaute?

Görlitz: Auf dem Schiff gibt es immer etwas zu tun: Essen kochen, aufräumen, schreiben, lesen, Quellen studieren, sonnen. Wir sammeln Kraft für die nächsten starken Stürme und gehen baden. Wir sind hier am Ausläufer des Golfstroms mit 24 Grad Wassertemperatur.

SZ: Langweilen Sie sich nicht?

Görlitz: Nein. Die Stimmung an Bord ist bestens. Langweilig wird es uns nie. Jeden Tag passieren uns Schiffe. Hochinteressant sind die vielen Meerestiere um uns herum. Wir hatten schon Begegnungen mit Haien, täglich sehen wir Delfine. Seit ein paar Tagen besucht uns jede Nacht ein Pärchen Pilotwale.

SZ: Ihr ehemaliger Mitstreiter, der Skipper Winfield Burmeister, ist abgesprungen und sagt, dass Ihr Törn lebensgefährlich werden könnte.

Görlitz: Es ist traurig, wie sich Menschen zu solchen Aussagen hinreißen lassen. Die Vorwürfe sind Unsinn. Wir haben eine Woche, bevor wir gestartet sind, am Stevens-Institut in New Jersey Experimente mit Schiffbauingenieuren an einem Abora-Modell gemacht. Wir haben die größten Wellen in dem Strömungskanal erzeugt, die die je hatten. Dort konnte man sehen, wie hervorragend so ein Schilfboot in den Wellen steht.

SZ: Herr Burmeister sagt, dass Ihre Ruderanlage zu schwach sei.

Görlitz: Das ist Unsinn.

SZ: Es sind aber Seitenschwerter gebrochen, die das Schiff zum Kreuzen gegen den Wind benötigt.

Görlitz: Uns sind drei von 14 Seitenschwertern gebrochen. Das lag daran, dass unsere bolivianischen Bootsbauer uns mit dem Holz falsch beraten haben. Wir haben uns mit einem Schlepper welche nachliefern lassen. Das ist ein Experiment, da muss ausprobiert werden.

SZ: Die Aussagen von Herrn Burmeister beunruhigen Sie nicht?

Görlitz: Die lösen sich doch in Luft auf, wenn man sieht, wie hervorragend so ein prähistorisches Steinzeitfloß mit Wind und Wellen zurecht kommt. Alles andere ist Sensationsjournalismus.

SZ: Sie haben niemanden an Bord, der schon mal den Atlantik auf einem Schiff überquert hat. Haben Sie keine Angst?

Görlitz: Ich gehe seit 16 Jahren mit Schilfbooten segeln. In einem Faltboot auf einem See ist es gefährlicher als mit einem Schilfboot auf dem Atlantik. Es ertrinken jedes Jahr mehr Menschen in Binnengewässern, weil sie die kurzen und flachen Wellen unterschätzen. Wir hatten schon fünf Meter hohe Wellen.

SZ: Wie verhält sich das Schiff dabei?

Görlitz: Phantastisch. Viele Kritiker können sich schwer vorstellen, dass Schilfboote so viel Auftrieb besitzen, und dass sie von einer Welle wie ein Korken hochgehoben werden. Das Boot würde nicht überspült, so dass die Aufbauten abgerissen werden könnten. Das Schiff ist wie ein schwimmender Teppich, der sich durchbiegt. Ich würde nie bei Sturm von der Abora runtergehen.

SZ: Was passiert denn, wenn Sie doch in Seenot geraten?

Görlitz: Das Boot hat die modernste Rettungsausrüstung, die es für zivile Schiffe gibt. Wir haben zwei Rettungsinseln an Bord, drei unabhängige Kommunikationssysteme. Über den Deutschen Wetterdienst und das Internet versorgen wir uns mit Wetternachrichten. Wir haben über Satellit ständig Verbindung zur Bremer Rettungsstelle. Das Ganze ist also kein Kamikaze-Unternehmen. Außerdem schwimmen wir auf einem Fahrzeug, das nicht untergehen kann.

SZ: Vermissen Sie denn irgendetwas?

Görlitz: Wir reden an Bord viel über bayerisches Weißbier und davon, mal wieder ein schönes Eis zu essen. Eine Dusche fehlt uns überhaupt nicht bei 24 Grad Wassertemperatur. Auch die Lebensmittel-Vorräte haben wir großzügig kalkuliert. Wir hatten Obst, und es gibt Nudeln, Reis und Essen aus der Dose.

SZ: Wenn Sie die Überfahrt schaffen, sind Sie dann ein Held?

Görlitz: Mit Sicherheit nicht. Wenn, dann gibt es elf Helden. Es geht aber nicht darum, uns feiern zu lassen, sondern um praktische empirische Erfahrungen, die helfen sollen, wissenschaftliche Fragen zu beantworten. Ich werde meine Doktorarbeit darüber schreiben.

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