Ständige Impfkommission Experten mit den falschen Freunden

Die Ständige Impfkommission überprüft den Nutzen von Impfungen - sie ist Feindbild aller Impf-Skeptiker. Tatsächlich riskiert sie ihre Glaubwürdigkeit durch allzu enge Industrie-Kontakte.

Von Christina Berndt

Der Ruf ist längst ruiniert. Vor Jahren schon ist die Ständige Impfkommission, kurz "Stiko", zum Feindbild all jener mutiert, die Impfungen skeptisch sehen.

Dabei ist die Aufgabe des vom Bundesgesundheitsministerium eingesetzten Gremiums überaus wichtig für die Gesundheit der Deutschen. Die Stiko soll den Nutzen von Impfungen prüfen. Im "Impfkalender" legt sie fest, wann sie welchen Piks gegen welche Krankheit für sinnvoll hält.

Doch viele Bürger mögen dem Rat der Stiko nicht folgen, auch wenn die meisten der empfohlenen Impfungen sinnvoll und wissenschaftlich unumstritten sind. Sie vermuten hinter der Kommission einen unheilvollen Sumpf aus korrupten Ärzten und gieriger Pharmaindustrie.

Irritierender Jobwechsel

Da wirkt es kaum förderlich, dass einige Mitglieder der Stiko allzu große Nähe zu Impfstoff-Herstellern suchen. Ende 2007 versetzte eine Personalie sogar Freunden des Gremiums einen Stich: Da wechselte der langjährige Chef der Stiko, Heinz-Josef Schmitt, zum Pharmariesen Novartis - einem Unternehmen also, dessen Produkte er zuvor kritisch bewertet haben will.

Nach Schmitts Weggang ist die 16-köpfige Kommission neu besetzt worden, aber der neue Vorsitzende, der Arbeitsmediziner Friedrich Hofmann aus Wuppertal, zeigt wenig Verständnis für Zweifel an der Unabhängigkeit seiner Kommission. Die Zusammenarbeit mit der Industrie sei nötig, sagt Hofmann, und wenn er Firmengelder für ehrliche Arbeit erhalte, beeinflusse das sein Urteil nicht.

"Jeder Lehrer, dem man ein Buch schenkt, zuckt zusammen, weil er Angst hat, es könnte als Bestechung ausgelegt werden", sagt Wolfgang Becker-Brüser vom unabhängigen Arznei-Telegramm. Die Stiko habe da überhaupt kein Unrechtsbewusstsein: "Es ist unfassbar, dass eine öffentlich besetzte Kommission Geld von Firmen annimmt, über deren Produkte sie entscheidet."

Der Ex-Vorsitzende Schmitt hat vor seinem Wechsel zu Novartis gar noch einen mit 10000 Euro dotierten Preis angenommen; das Geld stammte von Sanofi Pasteur MSD - ausgerechnet von jener Firma, die einen teuren Impfstoff gegen Papillomviren herstellt, den Schmitt kurz vor seinem Weggang in den Impfkalender gehoben hat.

Mehr als nur Empfehlungen

Die Pharma-Verflechtungen der Stiko gewinnen an Brisanz, weil der Einfluss der Stiko jüngst erheblich gewachsen ist. Seit April 2007 sind ihre Empfehlungen keine bloßen Empfehlungen mehr. Die Krankenkassen müssen seither sämtliche Impfungen auf dem Impfkalender bezahlen.

Zwar kann der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), der über die Leistungen der Kassen wacht, die Stiko-Vorschläge theoretisch zurückweisen. "Wir sind aber vom Gesetzgeber angehalten, Abweichungen besonders zu begründen", sagt Thomas Müller, Leiter der Abteilung Arzneimittel beim G-BA. "Das heißt, dass wir die Empfehlungen in der Regel durchwinken."