Sprachforscher "Sprachen sterben"

Standen am Anfang Steppenbewohner oder anatolische Bauern? Linguist Haspelmath über Ursprung und Zukunft der Sprachen.

Interview von Andreas Frey

Standen am Anfang Pferdezüchter in der Steppe oder anatolische Bauern? Der Linguist Martin Haspelmath über die schwierige Suche nach dem Ursprung des Indoeuropäischen.

SZ: An Ihrem Institut ist vergangene Woche über den Ursprung der Sprachen Europas diskutiert worden. Ist jetzt die große Frage geklärt, woher sie stammen?

Haspelmath: So einfach ist es nicht. Aber das Symposium hat erstmals die internationalen Vertreter der beiden großen Theorien zusammengebracht. Vielleicht lässt sich das Rätsel dadurch bald klären.

Eigentlich war man sich ja schon vor Jahrzehnten über den Ursprung sicher.

Bis 1987 herrschte Konsens, dass sich das Indoeuropäische vor etwa 6000 Jahren am Schwarzen Meer entwickelte. Das liegt in der heutigen Ostukraine, in der Pontischen Steppe. Man hat das anhand der Verwandtschaft von bestimmten Wörtern herausgefunden. Die ersten Sprecher des Indoeuropäischen waren halbnomadische Pferdezüchter. Diese Theorie wird heute Kurgan-Hypothese genannt.

Sagt man nicht mehr Indogermanisch?

Wir sagen heute Indoeuropäisch. Es ist die Wurzel unserer Sprache, sie bildet die größte Sprachfamilie der Welt mit mehr als drei Milliarden Sprechern, und wir können die vor Tausenden Jahren gesprochene Ursprache heute ziemlich genau rekonstruieren. Fast alle Europäer sprechen heute eine indoeuropäische Sprache, nur die Sprachen der Finnen, Basken, Esten, Ungarn, Malteser und Türken haben eine andere Herkunft.

1987 brachte der Archäologe Colin Renfrew die Kurgan-Hypothese ins Wanken.

Renfrew geht davon aus, dass unsere Sprachen nicht nördlich des Schwarzen Meeres entstanden ist, sondern südlich davon in Anatolien. Zudem glaubt er, dass die Ursprache deutlich älter ist. Er sagt, es müssen die Bauern gewesen sein, die das Indoeuropäische in den Westen und Norden gebracht haben. Nur durch die Landwirtschaft und die Sesshaftigkeit konnten Gruppen entstehen, die stark genug waren, um anderen Gruppen die eigene Sprache aufzudrücken.

SZ-Grafik: Sead Mujić

Der Leiter Ihres Instituts, der Biologe Russell Gray, stützt diese These.

Er hat in komplizierten Verfahren Stammbäume rekonstruiert. Gray sagt: Ja, die Archäologen haben recht. Damit haben wir zwei völlig konträre Darstellungen, wobei sich seit einigen Jahren auch Genetiker in die Diskussion eingeschaltet haben. Die wiederum halten es mit den traditionellen Linguisten und der Steppen-Theorie. Erst in diesem Frühjahr ist in Nature eine Studie veröffentlicht worden, die diese These bestätigt. Der Genetiker Wolfgang Haak hatte Dutzende Skelette aus dieser Region untersucht.

Wie kann man an Skeletten herausfinden, welche Sprache jemand sprach?

Man schaut sich das Erbgut an, um herauszufinden, wie sich die frühen Völker ausgebreitet und gemischt haben. Über ihre Sprachen kann man nur mithilfe der Rekonstruktionen der Linguisten spekulieren. Aber die Linguisten wissen oft nicht, ob sich nur die Sprachen oder auch die Menschen ausgebreitet haben. Die lateinische Sprache hat sich ja in der Antike über weite Teile Südeuropas ausgebreitet, obwohl es etwa in Frankreich und Spanien nur recht wenige römische Beamte und Siedler gab.

Sind Sie neidisch, dass andere Fächer der Linguistik nun etwas den Rang ablaufen?

Ein bisschen. Die Genetiker sagen: Wir haben die besseren Methoden, aber wir sollten uns trotzdem mal mit den Linguisten unterhalten. Auf der anderen Seite hat die Sprachwissenschaft in den letzten Jahren keine großen Fortschritte mehr gemacht. Wir waren ein wenig in der Defensive. Am Ende zählt aber das Resultat. Und unser Institut in Jena bringt Geisteswissenschaftler und Naturwissenschaftler näher zusammen, das ist nicht selbstverständlich.

Wie hat sich das Indoeuropäische weiterentwickelt? Einen Tschechen verstehen wir heute ja nicht auf Anhieb, noch nicht einmal einen Holländer.

Das ist ebenfalls schwierig zu rekonstruieren, weil von verschiedenen Ursprachen keine schriftlichen Zeugnisse überliefert sind. Im Mittelmeerraum ist das anders. Wir wissen deshalb, dass Französisch und Spanisch vom Latein abstammen, das die Römern verschriftlicht haben.

Die Urgermanen haben nichts aufgeschrieben?

Martin Haspelmath, Jahrgang 1963, ist am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena tätig. Er forscht zum Sprachwandel und leitete die Erstellung des "Weltatlas der Sprachstrukturen".

(Foto: oh)

Nein, die Schrift kam erst mit den Römern in die unwirtlichen Gegenden nördlich der Alpen. Was das Deutsche betrifft: Es sind keine Schriften vor dem Althochdeutschen überliefert. Das älteste Zeugnis der Germanen ist die gotische Bibelübersetzung von Wulfila aus dem vierten Jahrhundert.

Wann ist denn eine Sprache eigenständig und nicht nur ein Abwandlung einer anderen Sprache?

Das wichtigste Kriterium ist die gegenseitige Verständlichkeit. Allerdings wäre aus dieser Perspektive Schweizerdeutsch eine eigenständige Sprache, da ich als Norddeutscher kaum einen Schweizer verstehe. Deshalb ist auch die gemeinsame Identität wichtig. Die Schweizer haben entschieden, Deutsch zu schreiben - das begründet die gemeinsame kulturelle Identität. Manchmal gibt es allerdings religiöse oder politische Gründe, weshalb sich zwei Völker zwar verstehen, aber keine gemeinsame Identität aufbauen. Ein Däne hat kein Problem, einen Schweden zu verstehen. Ebenso ist es mit Serben und Kroaten. Trotzdem sagen sie, dass sie unterschiedliche Sprachen haben.

Können sich die verschiedenen Sprachen auch mischen?

Ja, es gibt in fast allen Sprachen Fremdwörter aus Nachbarsprachen. Im Deutschen haben wir nicht nur die vielen englischen Wörter der heutigen Zeit und die französischen Wörter aus dem 18. Jahrhundert, sondern auch einige Wörter aus dem Polnischen, wie etwa "Grenze" oder "Quark". Manchmal werden sogar grammatische Strukturen übernommen. Das macht es besonders schwierig, die Ursprachen zu rekonstruieren. Welche Form der Sprachmischung auftritt, hängt stark vom Prestige der verschiedenen Sprachen ab. Das Französische beispielsweise hatte in England ein starkes Prestige, deshalb wurden viele französische Wörter übernommen. Wir Deutsche finden heute Englisch cool.

Und Sprachen, die kein Prestige haben, sterben?

Sprachen sterben, wenn sie nicht mehr gesprochen werden. Ob man eine Sprache sprechen möchte, hängt ganz stark davon ab, ob man diese Sprache wertschätzt. Nehmen Sie in Sachsen das Sorbische. Das wird vom Deutschen, das mehr Prestige hat, geschluckt und aussterben.

Das ist schade.

Ja, aber das Deutsche ermöglicht den Sorben auch Zugang zu ganz vielen Sprechern. Hätte der Sorbe Stanislaw Tillich kein Deutsch gelernt, wäre er nie Ministerpräsident Sachsens geworden. Hätte ich meine sprachwissenschaftlichen Arbeiten auf Deutsch veröffentlicht, säße ich heute nicht am Max-Planck-Institut.

Also wird Deutsch auch aussterben.

Im Gegensatz zu vielen Linguisten halte ich das durchaus für möglich; wenn sich die gegenwärtigen Trends der Globalisierung fortsetzen, spricht vielleicht in hundert Jahren kaum jemand mehr Deutsch. Ich hänge sehr am Deutschen, wirklich, aber einzig aus sentimentalen Gründen hat noch keine Sprache überlebt. Wenn es aus wirtschaftlichen Gründen sinnvoller ist, und wenn ein Volk keine großen Berührungsängste mit einer größeren Nachbarsprache hat, kann auch eine große Sprache aufgegeben werden.

Man könnte das Sprachensterben ja auch positiv sehen, weil es die Verständigung in der Welt erleichtert.

Einerseits müsste man weniger Sprachen lernen. Aber andererseits ist die Sprachenvielfalt auch ein großer Reichtum der Menschheit, so wie andere Arten kultureller Vielfalt auch. Als Sprachwissenschaftler bewerte ich das aber nicht, und ich finde es auch am besten, wenn die Politik dazu keine starken Positionen einnimmt.