Seit 150 Jahren wird die Evolutionstheorie von Missverständnissen und böswilligen Verfremdungen begleitet. Dabei steht sie noch nicht einmal im Widerspruch zur Religion.
Um die wahre Größe der von Charles Darwin angestoßenen Umwälzungen zu erkennen, hilft nicht nur der Blick auf das, was der britische Naturforscher entdeckt und gedacht hat. Ebenso wertvoll ist es zu verstehen, was Darwin nicht getan hat.
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Das 250 Millionen Jahre alte Skelett eines Dimetrodon grandis. Darwins Erkenntnisse stehen in krassem Widerspruch zu einem naiven Gottesbild, in dem der Schöpfer wie eine Art Handwerker pausenlos an jeder Weggabelung der biologischen Artenbildung Hand anlegt. (© Foto: AFP/The Field Museum/John Weinstein)
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Kaum eine wissenschaftliche Erkenntnis ist in den 150 Jahren nach ihrer Veröffentlichung derart von Missverständnissen und auch böswilligen Verfremdungen begleitet worden wie die Evolutionslehre Darwins.
Viel Falsches ist darüber zu hören, zum Beispiel dass der Stärkere im Selektionskampf obsiege. Auch hat Darwin, anders als der Titel seines im November 1859 erschienenen Hauptwerks "Über die Entstehung der Arten" nahelegt, nicht den Ursprung des Lebens erklärt. Doch das größte aller Missverständnisse rund um Charles Darwin betrifft das Verhältnis seiner Erkenntnisse zur Religion.
Anders als oft behauptet wird, ist die Evolutionslehre nicht geeignet, einen fundierten Schöpfungsglauben zu widerlegen. Zweifellos stehen Darwins Erkenntnisse in krassem Widerspruch zu einem naiven Gottesbild, in dem der Schöpfer wie eine Art Handwerker pausenlos an jeder Weggabelung der biologischen Artenbildung Hand anlegt.
Die Vorstellung eines über Milliarden Jahre hinweg vor sich hin bastelnden Schöpfers ist aber auch unvereinbar mit einem modernen aufgeklärten Theismus. Wer versucht, Gottes Werk in jeder Flagelle eines Darmbakteriums zu finden, der reduziert den vermeintlich allmächtigen Schöpfer auf allzu menschliche Dimensionen.
Die Evolution der Lebewesen auf dem Planeten Erde ähnelt einem gewaltigen Feuerwerk. Charles Darwin hat dabei erkannt, nach welchen Mechanismen die Funken fliegen. Ob die ganze Sache am Anfang von einem Schöpfer entzündet wurde oder lediglich eine Folge universaler Naturgesetze ist, ist eine andere, dem menschlichen Erkenntnisdrang grundsätzlich nicht zugängliche Frage.
Mit Skepsis ist daher Extremisten beider Fraktionen zu begegnen. Den Darwinisten, wenn sie so wie der Brite Richard Dawkins meinen, aufgrund naturwissenschaftlicher Erkenntnisse die Existenz Gottes widerlegen zu können. Und den Kreationisten, weil sie krampfhaft versuchen, Gott in ein Korsett zu zwängen, das für einen allmächtigen Schöpfer zu klein ist. Gott steht als Verborgener jenseits unserer Fassungskraft, erkannte schon im 15. Jahrhundert der Philosoph und Theologe Nicolaus Cusanus.
Zum Wesen der Naturwissenschaften gehört, dass jede Theorie, auch die Evolutionslehre, sich eines Tages lediglich als Oberfläche einer weiteren, tiefer gehenden wissenschaftlichen Erkenntnis erweist. So wie Newtons Gravitationsgesetze, die im Grunde nur ein Spezialfall der Allgemeinen Relativitätstheorie von Albert Einstein sind.
Doch eine Hinterlassenschaft Darwins wird bleiben. Er hat alle Lebewesen auf dem Planeten Erde zu einer biologischen Gemeinschaft verschmolzen. Eine Erkenntnis, die heute auch von der erst nach Darwin entwickelten Genetik klar bestätigt wird. Mit der Evolutionslehre ist der Mensch von der "Krone der Schöpfung" zur Spezies geworden.
Das ist für viele Exemplare des Homo sapiens eine nicht zu überwindende Kränkung. Aber warum eigentlich? Warum schmälert es das Selbstwertgefühl, wenn Schimpansen und Menschen gemeinsame Vorfahren haben und 50 Prozent der menschlichen Gene auch im Fadenwurm zu finden sind? Auch wer Hubschrauber baut, Opern komponiert und Zeitungen druckt, muss erst noch beweisen, dass er auf diesem Planeten länger durchhält als Bakterien oder Wespen.
Statt die eigenen anthropozentrischen Reflexe mit pseudowissenschaftlichen Argumenten gegen die Evolutionslehre zu befriedigen, sollten wir Menschen lieber versuchen, die aus der Vernunft geborenen Erkenntnisse Darwins zum eigenen Vorteil zu nutzen. Das Wissen um die Dynamik im Überlebenskampf der Arten sollte uns helfen, die Spezies Mensch mit dem Lebensraum Erde in Einklang zu bringen.
Die hemmungslose Ausbeutung natürlicher Ressourcen und die Vernichtung der Lebensräume anderer Arten wird sich auf Dauer nicht als Überlebensvorteil der Spezies Homo sapiens erweisen. Diese aus der Evolutionslehre folgende Einsicht macht die Entdeckungen des Charles Darwin so wertvoll.
(SZ vom 31.01.2009/mcs)
Machtkampf in der Linken
Daraus schließt er, daß man dem Atheisten Richard Dawkins, den er ebenso wie Kreationisten als Extremisten bezeichnet, mit Skepsis gegenüber treten sollte. Nun, Skepsis ist prinzipiell immer eine gute Einstellung, wenn man die Wahrheit herausfinden möchte. Es ist auch gut, wenn Illinger betont, daß der Mensch auch als reines Produkt der Evolution sein Selbstwertgefühl nicht verlieren müsse. Nur zu seiner These, der Parallelität von Evolution und Religion, sagt er nichts mehr Weiteres; Thema verfehlt. Er geht nicht darauf ein, wo noch der Spielraum eines Gottes hinsichtlich der Evolutionstheorie sein könnte. Hat Gott die erste Bakterie kreiert? Oder den Affen Feuer gegeben? Oder degradiert die Evolutionstheorie Religion zum bloßen Jasager, zum Schöpfer, der die Welt anschließend sich selbst überläßt? Es wird nicht klar, wo er die Grenze zwischen Religion und Wissenschaft ansetzt, und somit bringt er auch kein Argument für eine Vereinbarkeit von Religion und Wissenschaft. Wie so oft in solchen Diskussion, so rettet auch er sich mit der prinzipiellen Unbegreiflichkeit Gottes und zitiert Nicolaus Cusanus: Gott steht als Verborgener jenseits unserer Fassungskraft. Von einem verborgenen Gott zu einem überflüssigen Gott ist es da nur noch ein kleiner Schritt.
Zwingend für diese Haltung ist natürlich, die zugrundeliegenden Glaubensschriften, die, wörtlich genommen, offensichtlich der Evolutionslehre widersprechen, umzudeuten als Texte, die man nur im übertragenen Sinne verstehen kann. Die Bibel oder der Koran sind somit keine Bücher, die im wissenschaftlichen Sinne zu interpretieren sind, sondern sie wollen nur die prinzipiellen Glaubensinhalte und -verhaltensweisen in Bildern wiedergeben. Dies ist im Prinzip eine sinnvolle, gemäßigte Glaubenshaltung. Nur, es drängt sich natürlich sofort die Frage auf, wie weit diese Verbildlichung zu sehen ist: Die Erschaffung der Welt in sieben Tagen, Adam und Eva natürlich, ein Bild. Die Kreuzigung Jesu auch ein Bild? Man sieht, dieser Übereinkunft eines Waffenstillstandes zwischen Religion und Wissenschaft ist es inhärent, daß die Grenzlinie mit jeder neuen wissenschaftlichen Erkenntnis stetig weiter verschoben wird, hinein in das Gebiet des Glaubens. Erst wenn jegliche wissenschaftlich überprüfbare Aussage der Religion nur noch als Bild gesehen wird, kann Friede herrschen. Und die prinzipiell letzte wissenschaftliche Aussage einer Religion, die an einen aktiven Gott glaubt, ist der Glauben daran, daß dieser Gott in das Weltgeschehen eingreift. Ein solch passiver Gott aber wäre der Todesstoß für die meisten großen und kleinen Religionen. Denn wenn Gott nicht eingreift, ist auch jeglicher Kult, der auf das Diesseits abzielt, völlig unnötig.
Patrick Illinger möchte nun offensichtlich, da schon seine Unterschrift Warum Evolution nicht im Widerspruch zur Religion steht lautet, die dritte Haltung einnehmen und in seinem Kommentar diese Grenzlinie zwischen Religion und Wissenschaft ziehen, die eine friedliche Koexistenz beider erlaubt.
Zu anfangs stellt er dar, daß Darwins Thesen oft verfälscht und mißbraucht wurden. Dies ist offensichtlich richtig, man braucht hier nur an den Sozialdarwinismus zu denken.
Er stellt ferner fest, daß Darwin nicht in Einklang zu bringen ist mit einem naiven Gottesbild, in dem der Schöpfer [ ] pausenlos an jeder Weggabelung der biologischen Artenbildung Hand anlegt.. Dies ist eine offensichtliche Feststellung. Er schränkt jedoch ein: Ob die ganze Sache am Anfang von einem Schöpfer entzündet wurde oder lediglich eine Folge universaler Naturgesetze ist, ist eine andere, dem menschlichen Erkenntnisdrang grundsätzlich nicht zugängliche Frage.
Daraus schließt er, daß man dem Atheisten Richard Dawkins, den er ebenso wie Kreationisten a
Man kann, grob gesprochen, drei Haltungen zur Evolutionslehre haben: Erstens, man kann die Evolutionslehre ablehnen. Ersetzt wird die wissenschaftliche Theorie dann gegen Richtungen, die man als Kreationismus oder Intelligent Design bezeichnen kann. Es ist selbstredend völlig legitim, solche Behauptungen aufzustellen. Alle wissenschaftlich anerkannten Theorien haben so begonnen. Dogmen eignen sich jedoch nicht als Beweise. Darum ist diese erste Haltung zur Evolutionslehre abzulehnen: Kreationismus und Intelligent Design sind keine Theorien im wissenschaftlichen Sinne, sondern sie sind ein Konglomerat aus unbewiesenen, oder nicht zu beweisenden Behauptungen, die im wesentlichen auf die wortgetreue Auslegung einer Glaubensschrift beruhen oder zumindest durch solche Schriften motiviert sind. Ohne diese Glaubensbasis brechen diese Behauptungen in sich zusammen. Jeder vernünftige Mensch, der sich in offener Vorgehensweise mit Wissenschaften beschäftigt und die wissenschaftliche Methodik verstanden hat, muß zu dem gleichen Schluß kommen.
Die zweite Haltung zur Evolutionslehre steht der ersten diametral gegenüber: Die Evolutionslehre ist zu akzeptieren; eine Erklärung der Entwicklung des Lebens aus religiöses Prinzipien heraus wird abgelehnt. In der Tat benötigt das moderne wissenschaftliche Bild der Welt keinen Gott oder göttliche Prinzipien. Das heißt nun nicht, die Wissenschaft habe keine offenen Fragen mehr. Aber es hat sich gezeigt, daß zu keiner wissenschaftlichen Theorie je ein Bezug zu einem transzendenten Wesen oder Prinzip nötig war. Diese zweite Haltung erkennt das wissenschaftliche Prinzip als einzige Möglichkeit an, wie wir Menschen die Welt begreifen können, aufgrund oder trotz unserer prinzipiell eingeschränkten Erkenntnisfähigkeit. In der Evolution ist kein Platz für einen aktiven Gott, der in das Weltgeschehen eingreift, denn dieses Eingreifen müßte wissenschaftlich erkennbar sein.
Die dritte der verbreiteten Haltungen versucht eine friedliche Koexistenz von Wissenschaft und Religion: Die Evolutionstheorie ist, im wissenschaftlichen Sinne, wahr und somit anzuerkennen. Von dieser wissenschaftlichen Welt ist jedoch die Welt des Religiösen abzutrennen, beide Erklärungsweisen haben eine Daseinsberechtigung, jede in ihrem eigenen Bereich. Hier geht es natürlich nicht mehr nur um Darwin, hier geht es um das Verhältnis von Wissenschaft und Religion im Allgemeinen. Zwingend für diese Haltung ist natürlich, die zugrundeliegenden Glaubenssch