Schiffbruch Die vergessenen Sklaven von Tromelin

Vor gut 200 Jahren strandete eine Gruppe von Sklaven nach einem Schiffbruch auf einer winzigen Koralleninsel im Indischen Ozean - und musste 15 Jahre auf Rettung warten. Französische Archäologen wollen nun herausfinden, wie sie überlebten.

Es klingt zunächst traumhaft: auf einer einsamen Insel leben, mit langem Sandstrand und Sonne satt. Für eine Gruppe von Sklaven, die vor gut 200 Jahren Schiffbruch erlitt, war es jedoch ein harter und langer Kampf ums Überleben.

15 Jahre mussten die Gestrandeten auf Rettung warten. Die französische Schiffsbesatzung hatte sich auf einem Floß davongemacht und die afrikanischen Sklaven allein auf dem kargen Eiland im Indischen Ozean zurückgelassen. Ihr Versprechen, schnellstmöglich Hilfe zu schicken, war schnell vergessen.

Ein Archäologen-Team will nun das Rätsel lösen, wie es einigen Sklaven dennoch gelang, anderthalb Jahrzehnte zu überleben.

"Wir wollen versuchen zu verstehen, wie diese Menschen sich ernährten, wie sie sich in einer Gesellschaft organisiert haben", sagt Max Guérout, unter dessen Leitung die Insel jetzt erforscht wird.

Die "Utile", ein Schiff von Frankreichs ostindischer Handelskompagnie, hatte 1761 Kurs auf die Ile de France, das heutige Mauritius, genommen.

Dort sollten Waren sowie die rund 60 Sklaven an Bord verkauft werden. Doch dazu kam es nicht mehr: In der Nacht zum 31. Juli zerschellte die "Utile" am Riff einer kleinen Koralleninsel, dem heutigen Tromelin.

Sand und Korallenablagerungen

Die Schiffbrüchigen hatten die ein Quadratkilometer große Insel, die rund 600 Kilometer von der ostafrikanischen Insel Madagaskar entfernt liegt und heute lediglich eine Wetterstation beherrbergt, schnell erforscht.

Dort gab es vor allem Sand und Korallenablagerungen. Die Vegetation bestand nach Berichten der Überlebenden aus ein paar Gräsern und Sträuchern. Immerhin gab es einige Seevögel, Einsiedlerkrebse und Schildkröten, die den Speiseplan der Gestrandeten füllten.

Erst einmal machten sich die Schiffbrüchigen daran, einen Brunnen zu graben. Sie mussten sich allerdings mit trübem Brackwasser zufrieden geben. Dann verwendete die französische Besatzung ihre Energie vor allem darauf, ein Rettungsfloß aus dem Schiffswrack zu bauen. Tatsächlich konnten sie sich damit nach Madagaskar retten.

Was aus den Sklaven auf der einsamen Insel wurde, schien sie nun nicht weiter zu interessieren. Erst 15 Jahre später, im November 1776, ging unter dem Befehl von Chevalier de Tromelin das Schiff "La Dauphine" vor der Koralleninsel vor Anker. Dort lebten inzwischen nur noch sieben Frauen sowie ein acht Monate altes Baby. Die anderen Sklaven hatten den Kampf ums Überleben verloren.

Zwei Gruppen von insgesamt 25 Menschen, darunter offenbar der Vater des Kleinkindes, hatten ebenfalls versucht, mit Flößen rettendes Land zu erreichen, erzählten die Übriggebliebenen. Tromelin brachte sie nach Ile de France, wo der französische Insel-Gouverneur sie persönlich aufnahm.

Tromelin stellte überrascht fest, dass die Inselbewohner sich aus Federn Kleider geflochten hatten. Außerdem war es ihnen trotz der Passatwinde und Wirbelstürme, die die meiste Zeit über die Insel hinwegfegten, gelungen, ein Feuer 15 Jahre lang nicht ausgehen zu lassen.

Der französische Archäologe Jean-Paul Demoule ist fasziniert davon, wie die Sklaven ihr Leben auf der Insel meisterten. Es sei ein "spannender Versuchsaufbau, denn diese Menschen, die sich vielleicht gar nicht kannten, mussten eine Gesellschaft mit all ihren Aspekten neu erfinden".

Auch wenn Forschungsprojektleiter Guérout bereits zahlreiche Zeugenberichte über das Leben nach dem Schiffbruch auf Tromelin gesammelt hat, erhofft er sich von den archäologischen Grabungen neue Erkenntnisse. So will er nach den Gräbern der umgekommenen Sklaven suchen.

Zugleich ist das von der UNESCO geförderte Forschungsprojekt ein Weg, den Überlebenskampf der Sklaven von Tromelin zu würdigen, die so lange von der Welt vergessen waren.