Religion Wer grübelt, glaubt nicht

Analytisches Denken hemmt religiöse Überzeugungen, sagen kanadische Wissenschaftler. Und wer sich intensiv auf die Lösung eines Problems konzentriert, wird empfänglicher für Zweifel und Skeptizismus.

Von Sebastian Herrmann

Analytisches Denken hemmt den Glauben religiöser Menschen. Mehr noch: Wer sich konzentriert damit beschäftigt, die Lösung für ein Problem zu finden, erweckt in sich sogar Neigungen zu Zweifel und Skeptizismus - und Menschen mit schwachen religiösen Überzeugungen werden nochmals kritischer.

Das berichten die Psychologen Will Gervais und Ara Norenzayan von der Universität von British Columbia in Vancouver, Kanada (Science, Bd. 336, S. 493, 2012).

Die Psychologen ließen ihre Probanden verschiedene Aufgaben lösen. Sie mussten etwa Fragebögen ausfüllen, bei denen die Schrift nur schwer lesbar war. Außerdem setzten die Forscher eine Technik namens "Priming" ein.

Dabei werden Menschen Reize präsentiert, die implizite Gedächtnisinhalte aktivieren. In diesem Fall sahen die Testteilnehmer zum Beispiel Bilder der Skulptur "Der Denker" des französischen Bildhauers Auguste Rodin.

Anschließend erfassten Gervais und Norenzayan in Befragungen den Grad des Glaubens oder Zweifels bei den verschiedenen Probanden. Wer zuvor eine kognitiv anspruchsvolle Aufgabe bearbeitet hatte oder mit Reizen, die mit analytischem Denken assoziiert sind, geprimt worden war, neigte anschließend eher zu Skeptizismus.

Das galt unabhängig davon, ob sich ein Proband grundsätzlich als religiös beschrieb oder nicht. Wer zuvor schon ein Zweifler gewesen war, zweifelte nun noch mehr.

"Unsere Ergebnisse stimmen mit Forschungsergebnissen überein, die religiöse Überzeugungen mit dem intuitiven Denken in Zusammenhang bringen", sagt Norenzayan.

Die aktuelle Studie lege nahe, dass die Aktivierung des analytischen kognitiven Systems im Gehirn die intuitive Unterstützung für religiösen Glauben zumindest vorübergehend hemme, argumentieren die Psychologen.

Über die innere Logik, den Wert oder den Wahrheitsgehalt von religiöser Überzeugungen sage ihre Studie aber nichts aus, schreiben die Forscher.