Potente Muschel Hundert Jahre Sex

Eine kanadische Muschel ist in Asien als Potenzmittel begehrt. Kein Wunder: Einzelne Exemplare dieser Gattung sind mehr als ein Jahrhundert lang zur Fortpflanzung fähig.

Von Bernadette Calonego

Die Geoduck-Muschel ist ein seltsames Wesen. Wegen ihres runzligen langen Saug-Halses wird sie auch Elefantenrüsselmuschel genannt. Noch vor einer Generation interessierte sich kaum jemand für die Muschel, die nur im Nordwestpazifik lebt. Seit aber asiatische Einwanderer in der kanadischen Provinz British Columbia die Geoduck-Muschel (ausgesprochen: Guui-Dak) entdeckt haben, ist sie eine kostspielige Delikatesse in den Restaurants in China, Hongkong, Macao und Japan geworden.

Geoduck-Muscheln in einem chinesischen Restaurant.

(Foto: Foto: Verwendung gemäß GNU Free Documentation license/Wikipedia/Starest Westst)

Süßes Fleisch

Viele Asiaten sehen in der Geoduck-Muschel ein Potenzmittel, sagt Jack Lai, Besitzer der Firma Evergreen International Food Stuffs in Vancouver, die Elefantenrüsselmuscheln lebend nach Asien exportiert. "Geoducks sind sehr beliebt bei wohlhabenden Chinesen, die sich heute Luxusprodukte leisten können."

Begonnen hat der Trend aber mit Einwanderern aus Japan, die Ende der siebziger Jahre bemerkten, dass die kanadische Elefantenrüsselmuschel einer seltenen Muschel in ihrem Heimatland glich. Später begannen aus Hongkong stammende chinesische Köche die Muschel in ihren Restaurants in Vancouver anzubieten und verbreiteten diesen Geheimtipp auch in Asien. So begann der Siegeszug der Geoduck.

Das Fleisch der Muschel schmeckt süß, es wird meist in dünne Scheiben geschnitten verschiedenen Gerichten beigemischt. Die Geoduck-Muschel (lateinisch: Panopea abrupta) gräbt sich zu ihrem Schutz in den meist sandigen Meeresgrund ein. Sie braucht den Rüssel, der in Asien soviel Aberglauben auslöst, um aus dem Wasser an der Oberfläche Plankton-Nahrung einzusaugen. "Sie erhält auch Sauerstoff durch den Rüssel und benützt ihn für Ausscheidungen", sagt der kanadische Meeresbiologe Grant Dovey.

Die Elefantenrüsselmuschel kann eines der höchsten Alter unter den Tieren erreichen. In British Columbia fand man ein 168 Jahre altes Exemplar. Das Alter lässt sich wie bei einem Baum an den Jahresringen der Schale ablesen.

Export als lukratives Geschäft

Die Qualität der Muschel wird nach ihrem Aussehen bewertet: Je weißer und länger der Rüssel, umso wertvoller das Exemplar. Vor allem im US-Staat Washington werden die Muscheln bereits in Anlagen gezüchtet. Die Behörden in British Columbia schränken die Ernte im Ozean stark ein, da sich die Spezies nur langsam reproduziert. Voll ausgebildete Fortpflanzungsorgane wurden in sieben bis 107 Jahre alten Muscheln gefunden. Daraus kann man schließen, dass einzelne Exemplare dieser Gattung mehr als ein Jahrhundert lang zur Fortpflanzung fähig sind. Kein Wunder, dass sie für ein Aphrodisiakum gehalten wird.

Die durchschnittliche Muschel wird rund 1,1 Kilogramm schwer und 15 Zentimeter lang. Der Name Geoduck kommt vom indianischen Wort "gwe-duk" (grabe tief). Man findet die Muschel nur in den salzhaltigen Gewässern vor Alaska bis hinunter zum Golf von Kalifornien. Bei der Ernte lockern spezialisierte Taucher den Meeresboden, in dem die Muscheln bis zu einem Meter tief stecken, mit einem Hochdruck-Wasserstrahl auf.

Der Export von Geoduck-Muscheln ist ein lukratives Geschäft. British Columbia verkauft 1700 Tonnen jährlich für fast 23 Millionen Euro. Mit den US-Staaten Washington und Alaska zusammen sind es 4000 Tonnen im Jahr. In einem Laden in Vancouver bezahlt man 13 bis 20 Euro für ein Pfund. In Asien wird es viel teurer: "In einem Restaurant in Hongkong kann man leicht 100 kanadische Dollar (rund 66 Euro) für ein Gericht mit Geoducks bezahlen", sagt Michelle James, Direktorin der Underwater Harvesters Association in Vancouver. Die Europäische Union, ergänzt sie, erlaube die Einfuhr von lebendigen Geoduck-Muscheln aus Gründen des Schutzes einheimischer Arten nicht.