Nanotechnologie Vertrauen aus Unwissen

Viele Menschen haben Angst vor genetisch manipulierten Lebensmitteln. Die Nanotechnologie dagegen bereitet ihnen wenig Sorge - im Gegensatz zu vielen Forschern.

Von Katrin Blawat

"Die Nanotechnologie könnte die erste Wissenschaft werden, in der Forscher eine größere Gefahr sehen als die Öffentlichkeit" - dieses Resümee der Toxikologin Vicki Stone von der Napier-Universität in Edinburgh auf der Jahreskonferenz der American Association for the Advancement of Science AAAS zeigt den Verbraucher als kompliziertes Wesen.

Welche neuen Entwicklungen er akzeptiert, vermögen selbst Fachleute oft nur unzureichend vorherzusagen. Die Ergebnisse aufwendiger wissenschaftlicher Studien jedenfalls spielen für Konsumenten nur eine untergeordnete Rolle, wenn sie über Nutzen und Risiken einer neuen Technologie urteilen.

Jüngstes Beispiel für dieses irrationale Verhalten sind Studien in Europa und den USA, die die Einstellung der Verbraucher zur Nanotechnologie untersucht haben.

Dabei zeigte sich, dass sich nicht nur die Akzeptanz in den verschiedenen Ländern unterscheidet, sondern auch jeweils andere Gründe ausschlaggebend sind. In Deutschland befürworten gemäß einer Studie des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) zwei Drittel der Menschen die Nanotechnologie - obwohl nur die Hälfte überhaupt etwas mit dem Begriff anzufangen weiß. Ihre Unwissenheit scheint die Menschen ungewöhnlich vertrauensvoll zu machen.

Wenn Amerikaner die Nanotechnologie kritisch sehen, hat das ebenfalls wenig mit wissenschaftlichen Kriterien zu tun. 70 Prozent der US-Bürger stufen Nanotechnologie als moralisch bedenklich ein.

"Sie sehen Nanotechnologie als einen Eingriff in Gottes Schöpfung und empören sich darüber, dass der Wissenschaftler Gott spielt", sagt Studienautor Dietram Scheufele von der Universität in Wisconsin.

In Deutschland gaben dagegen nur etwa 37 Prozent der 1015 Befragten an, moralische Bedenken zu haben; in Frankreich waren es nur 28 Prozent.

Ungeachtet der Bedenken der Verbraucher versprechen sich Wissenschaftler und die Industrie viel von der Nanotechnologie. Sie nutzt winzige Teilchen, kleiner als ein Tausendstel Millimeter, die zum Beispiel Autolacke kratzfester und Textilien schmutzabweisend machen, das klebrige Gefühl von Sonnencremes verhindern und Medikamente gezielt zu einzelnen Zellen bringen sollen.

Die möglichen Einsatzgebiete für Nanopartikel sind so zahlreich, dass allein die Größe der Teilchen als Definitionskriterium dient. "Es gibt eine enorme Vielfalt an Nanopartikeln, die alle ganz verschiedene Eigenschaften haben", sagt die Toxikologin Stone.

Bis in die Lungenbläschen

Sie beurteilt den Einsatz der Mini-Teilchen kritisch, seit erste Studien gezeigt haben, dass gerade deren Winzigkeit eine Gefahr darstellen könnte. Die Partikel sind so klein, dass sie auch in menschliche Zellen und bis in die feinsten Lungenbläschen vordringen und dort Entzündungen verursachen können.

Dabei entscheidet nicht nur die Größe über das Gefahrenpotential, sondern auch ihre Oberflächenstruktur und die Anzahl der Teilchen. Inzwischen sei ausreichend belegt, dass zumindest einige der Partikel ein großes Risiko darstellten, sagt Stone. "Zu behaupten, über mögliche Gesundheitsgefahren ließe sich noch nichts sagen, ist eine Lüge."

Was die Menschen beim Thema Nanotechnologie wirklich bewegt, lässt sich mit toxikologischen Untersuchungen allein jedoch nicht feststellen. Warum sind vielmehr moralische Prinzipien entscheidend, wenn es um eine Wissenschaft geht, die Physiker, Chemiker, Biologen und Mediziner betreiben?

Diese Frage hat Dan Kahan von der Yale Law School untersucht, und auch seine Ergebnisse lassen den Verbraucher nicht als den rationalen Abwäger erscheinen, wie ihn sich Wissenschaftler wünschen. "Laien übernehmen die Meinung eines Experten, wenn der den gleichen kulturellen Hintergrund hat", sagt Kahan.

Das gebe beispielsweise Politikern oder religiösen Gruppen großen Einfluss, denn wenn jemand die Grundsätze einer Partei oder Religionsgemeinschaft unterstütze, sei er auch gewillt, deren Meinung zur Nanotechnologie zu übernehmen.

Meinung ohne Wissen

"Wir dürfen nicht davon ausgehen, dass die Leute umso objektiver urteilen, je mehr sie wissen", sagt Dan Kahan. So hatten in den USA zwar 92 Prozent der Bürger nichts oder wenig über Nanotechnologie gehört. Dennoch haben sich auch diese Befragten bereits eine einigermaßen eindeutige Meinung dafür oder dagegen gebildet.

"Wir haben im Prinzip die gleiche Situation wie bei gentechnisch veränderten Organismen" sagt Ortwin Renn von der Abteilung für Technik- und Umweltsoziologie an der Universität Stuttgart. Auch in Bezug auf Gentechnik zeigen sich die Deutschen dann besonders skeptisch, wenn es ums Essen geht. "In den USA ist traditionell das Vertrauen in die Lebensmittel-Zulassungsbehörde größer als bei uns", sagt Renn.

"In Deutschland kommt immer der Wunsch nach Natürlichkeit in Lebensmitteln dazu, und das verträgt sich weder mit Nanotechnologie noch mit Gentechnik." Die BfR-Umfrage bestätigt diese Einschätzung: Trotz der mehrheitlichen generellen Zustimmung zur Nanotechnologie lehnen 69Prozent der Befragten einen fiktiven "Nano-Zusatz" in Gewürzen ab, der das Verklumpen verhindern würde. 84 Prozent sprachen sich gegen Nanopartikel aus, die Lebensmittel länger ansehnlich halten würden.

Die Lebensmittel-Industrie weiß zwar um die Skepsis der Verbraucher, sieht darin aber kein Problem. "Sie versichert einfach, keine Nanopartikel einzusetzen", sagt der Soziologe Ortwin Renn. Dieses Verhalten hält er aber für riskant. "Sobald es den kleinsten Anfangsverdacht von Seiten der Öffentlichkeit gibt, ist das ganze Vertrauen für lange Zeit dahin."

Renn plädiert daher für eine offensive Strategie. "Die Industrie sollte selbst Risiko-Studien machen und Produkte mit Nanopartikeln als solche kennzeichnen. Das wird die Verbraucher zunächst abschrecken, aber wer weiß, vielleicht steht Nano irgendwann sogar für gute Qualität."