Und das Feld der Gewalt weitet sich aus. Gemobbt werden Schüler nicht mehr bloß im Klassenzimmer und auf dem Schulweg. Sorgen bereitet Polizei und Pädagogen zunehmend das "Cyberbullying". Dabei nutzen die Täter ihr Handy oder das Internet. Sie filmen Übergriffe, zeigen die Bilder herum und versenden sie an Mitschüler, wodurch das Opfer zusätzlich gedemütigt wird. Sie lästern im Internet und verbreiten Verleumdungen via SMS.

Anzeige

Eine Studie der Sozialpsychologin Catarina Katzer von der Universität Köln, für die 1.00 Schüler befragt worden sind, hat ergeben, dass die Täter, die sich des Internets bedienen, meist die gleichen sind, die auch sonst als "Bullies" in der Schule auftreten. Während in den ersten Klassen noch die direkte Gewalt dominiert, werden die Methoden mit zunehmendem Alter der Schüler subtiler.

Besonders gerissen sind Täter, die selbst den Vorwurf erheben, gemobbt zu werden. Manche "Bullies" seien aggressiv, zugleich aber sehr zuvorkommend Erwachsenen gegenüber, sagt Mechthild Schäfer. Ungefähr von der dritten Klasse an sind Schüler in ihrer Entwicklung so weit, dass sie mit den sozialen Erwartungen der anderen spielen und sie manipulieren können.

Gemeinsame Lösung

In der Mobbingforschung gibt es zwei Thesen über das Profil solcher Täter: Die Defizitannahme besagt, dass Bullies sozial inkompetent sind. Die Kompetenzthese dagegen lautet: Sie sind ihren Mitschülern soziokognitiv überlegen, also besonders geschickt und auffassungsschnell im Umgang mit anderen.

Studien bestätigen eher die Kompetenzthese, zumindest für Kinder, die sieben Jahre und älter sind. Der italienische Psychologe Gianluca Gini von der Universität Padua hat die soziale Intelligenz von mehr als 200 Acht- bis Elfjährigen untersucht und mit ihren Rollen beim Mobbing verglichen. Ergebnis: "Bullies" sind meist in der Lage, sich in andere hineinzuversetzen, ihre soziale Intelligenz ist bemerkenswert hoch. Es fehlt ihnen aber an Empathie für die Opfer. Lehrer sind daher oft überrascht, wenn sie hören, dass ein Schüler seit Langem drangsaliert wird und wer zu den Tätern zählt. Vor allem subtile Formen des Mobbings können den Pädagogen leicht entgehen.

"Viele Lehrer erlauben sich zudem immer noch, nicht so genau hinzuschauen", beklagt Mechthild Schäfer. Nun wollen Psychologen Abhilfe schaffen. Sie haben Präventionsprogramme entwickelt, die dauerhaft verhindern sollen, dass Schüler schikaniert werden. Dabei geht es darum, ein soziales Klima zu schaffen, in dem jeder, der einen Schwächeren angreift, die Anerkennung aller anderen verliert. "Die Lehrer müssen sensibel sein für das soziale Gefüge einer Klasse", sagt Mechthild Schäfer. Mobbing sei eben nicht die Sache Einzelner, sondern spiegele die Hierarchie in einer Klasse wider.

Deshalb reiche es nicht, bekannt gewordene Regelverstöße zu ahnden. Lehrer müssten genau hinschauen, welche Positionen und Rollen ihre Schüler in der Klasse einnehmen. So wie zum Beispiel Andrea Mex. In ihrer fünften Klasse der Anna-Freud-Schule in Köln hat die Lehrerin Mobbing zum Thema gemacht. Die Schüler hatten einem Neuling die kalte Schulter gezeigt. "Dadurch bin ich selbst sensibilisiert worden. Und ich habe zunächst meine Ohnmacht gespürt", sagt Mex.

"Wir haben Mist gebaut"

Sie entschloss sich, Mobbing im Unterricht zu behandeln. Die Klasse nahm an einer Anti-Mobbing-Aktion des Kinderhilfswerks und des Internetprojekts "Seitenstark" teil. Die Schüler drehten einen Film: über Klaus, einen dicken, oft gehänselten Jungen. Vor dem Schwimmunterricht zerren ihn zwei Mitschüler mitsamt Kleidung unter eine kalte Dusche. Die Bilder laufen in Schwarz-Weiß. Anschließend wiederholt der Film die Szene in Farbe. Diesmal schreitet ein Junge ein, eine Mitschülerin wird alarmiert und holt den Lehrer zu Hilfe. Im Klassenkreis schildert Klaus, wie er unter der Hänselei leidet, und die Täter entschuldigen sich.

Mit dem Film gewannen die Schüler der Anna-Freud-Schule nicht nur einen Preis. "Sie sagen jetzt auch: Wir haben Mist gebaut, als wir den Neuen gemobbt haben", berichtet Andrea Mex. Auch Anna Meyer hat auf ihre Lehrer gesetzt. Doch als sie sich offenbarte, stellte sich die Lehrerin am nächsten Tag vor die Klasse und verlangte, Anna in Ruhe zu lassen. In den folgenden Wochen wurde alles nur schlimmer. Als Anna nach ihrem Schulwechsel wieder in die Außenseiterrolle geriet, wagte sie es dennoch, ihren neuen Lehrer anzusprechen.

Er reagierte besonnen und hilft nun, Annas Position in der Klasse zu stärken. Die Mitschüler sollten neue Seiten an ihr kennenlernen: Die Lehrer schafften es, sie zu überreden, im Musikunterricht vorzusingen. Anna ist eine sehr gute Sängerin. "Das hat meine Mitschüler wohl beeindruckt", sagt sie. Schon jetzt hat die Zehntklässlerin jedoch wieder Angst - vor dem nächsten Schuljahr. Denn in der elften Klasse werden die Schüler neu gemischt. Anna sagt: "Da kann alles wieder von vorn anfangen."

Weitere spannende Themen aus dem SZ Wissen finden Sie hier. Das neue Heft bekommen Sie jetzt am Kiosk.

Sie sind jetzt auf Seite 3 von 3

  1. Der Feind in meiner Klasse
  2. Der Feind in meiner Klasse
  3. Sie lesen jetzt Der Feind in meiner Klasse
Leser empfehlen 

(SZ Wissen 4/2008)