Der Psychosomatiker Peter Henningsen ist überzeugt, dass die Lebenskrise nicht nur Last und Leid, sondern auch Chancen bietet.
Wenn es Menschen schlechtgeht, sich aber keine krankhafte körperliche Ursache dafür finden lässt, landen sie manchmal bei Professor Peter Henningsen. Der Mediziner leitet die Klinik für Psychosomatik an der TU München. Zusammen mit seinem Team versucht er dann zu erkennen, welche körperlichen, psychischen und sozialen Nöte die Beschwerden verursachen.
Peter Henningsen plädiert dafür, sich bewusst mit der Krise auseinanderzusetzen. (© Foto: oh)
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SZ: Sie sind 48 Jahre alt. Waren Sie schon in der Midlife-Crisis?
Henningsen: Bisher noch nicht. Vielleicht gab es bei mir in letzter Zeit so viele Veränderungen, dass ich nur noch nicht dazu gekommen bin.
SZ: Wann beginnt die Midlife-Crisis?
Henningsen: Das ist von der Lebensphase abhängig: Aus psychologischer Sicht fängt es dann an, wenn bestimmte Ziele erreicht sind und es kaum noch aufwärts gehen kann - körperlich stellen sich dann auch leise Warnzeichen ein, dass es abwärtsgeht. Bei manchen fängt das mit Ende 30 an, bei anderen mit Anfang 50. Diese Plateau-Wahrnehmung ist entscheidend für den Beginn, dieses Gefühl, jetzt ist der Sockel erreicht, von dem aus es zumindest nicht mehr nach oben geht.
SZ: Das würde ja bedeuten, dass bei einer langen Ausbildung und Karriere oder bei später Elternschaft die Krise auch später eintritt.
Henningsen: Plausibel wäre das, ich kenne aber keine Untersuchungen dazu.
SZ: Manager, die ständig weiter auf dem Karrieresprung sind, bekämen demzufolge überhaupt keine Midlife-Crisis.
Henningsen: Das wäre nicht gesund. Die Wahrnehmung, dass der Aufstieg nicht unbegrenzt weitergeht und sich dies einzugestehen und sich darauf einzustellen, sind sehr wichtig für das psychische Wohlbefinden. Findet die Auseinandersetzung mit alterstypischen Grenzen nicht statt, erhöht sich das Risiko, später aus scheinbar nichtigen Anlässen in umso größere Erschöpfungs- oder Schmerzzustände zu geraten.
SZ: Ist es eher gesellschaftlich, biologisch oder gar evolutionär vorgegeben, dass wir eine solche Krise erleben?
Henningsen: Evolutionär wohl nicht, weil nicht geplant war, dass Menschen so alt werden. Die Trennung in biologische, soziale und psychische Ursachen lässt sich nicht machen. Sie hängen zusammen. Die Midlife-Crisis kann man unter die Überschrift "Grenzen des Machbaren" stellen. Das trifft auf körperliche wie psychische Phänomene zu. Neue Perspektiven in der Lebensplanung werden weniger wahrscheinlich, es gilt von langjährigen Wunschzielen Abschied zu nehmen und die Leistungskraft nimmt ab.
SZ: Gibt es typische Beschwerden, die in der Midlife-Crisis häufiger auftreten?
Henningsen: Körperlich getönte depressive Beschwerden werden häufiger. Dazu gehören stärkere Erschöpfbarkeit, früheres Erwachen mit Grübeln. Charakteristisch ist der teilweise Verlust der Freude an Dingen, die einen zuvor begeistert haben. Es kommt zu einer Art innerer Abstumpfung. Häufig nehmen auch Rücken- und Kopfschmerzen zu.
SZ: Leiden Frauen anders als Männer unter der Krise in der Lebensmitte?
Henningsen: Frauen müssen sich in dieser Zeit ja sowieso schon mit den Wechseljahren auseinandersetzen. Das macht die körperlichen Beschwerden womöglich schlimmer, bietet aber auch die Möglichkeit, sich dieser Zeit bewusster zu stellen. Das Mittelalter ist ja nicht nur eine Krisenzeit, sondern offenbart auch viele Chancen.
SZ: Welche Möglichkeiten gibt es, eine Midlife-Crisis zu vermeiden?
Henningsen: Um Vermeidung geht es ja gar nicht. Diese Phase wird umso weniger krisenhaft, je bewusster man sich damit auseinandersetzt, welche Einschränkungen die Zeit mit sich bringt, aber auch welche neuen Möglichkeiten sich auftun. Zudem fällt in diese Zeit ja oft die Erkenntnis, dass man manches, was einen in früheren Jahren getrieben hat, jetzt viel gelassener verfolgen kann. Die beste Therapie besteht zudem darin, zu akzeptieren, dass diese mittlere Lebensphase ein wichtiger Bestandteil eines gelingenden Lebens ist.
(SZ vom 4.2.2008/beu)
Mubarak-Prozess in Ägypten
Die midlife-crisis ist vor allem deswegen bedeutsam, weil da den meisten Menschen bewusst wird, dass sie nicht unsterblich sind, sondern auch das eigene Leben begrenzt ist.
Die Folge ist, wenn man das zulässt (und nicht verdrängt),dass man über die eigenen Werte und Ziele neu nachdenkt.
Was ich als damals 30jähriger (ich bin jetzt 59)gerne alles vor meiner Midlife-crisis gewusst hätte, können Sie bei Interesse in meinem Blog-Beitrag nachlesen: http://tinyurl.com/2ozoql
Bin selber (Gott sei Dank?) noch nicht im typischen Midlife-Crisis-Alter (31).
Wenn es um die Ursachen für dieses Phänomen geht, dass meines Wissens in der Psychologie noch nicht mal als eigenständige Krankheit gesehen wird, jedoch in der Praxis permanent beobachtet werden kann (insbesondere so zw. 40 und 50/55, wie mir scheint), dann gibt es da wohl einige Punkte.
Ein grosses Problem ist sicher immer noch, dass wir mit dem Alter nach wie vor nichts anfangen können, haben wir doch noch gar nicht so lange das Glück, älter als 40-45 Jahre zu werden.
So wird den Leuten spätestens jenseits der 40 signalisiert, dass sie gesellschaftlich mehr oder weniger nicht mehr erwünscht sind (z.B. auf dem Arbeitsmarkt oder auch sonst im gesellschaftlichen Bereich). Stichwort: sozial verträglich früh ableben...
Ich bin der Meinung, wenn die Gesellschaft ein relaxteres Verhältnis zum Alter und Altern hätte, wovon wir wohl nach wie vor Lichtjahre entfernt sind, müssten sich die Betroffenen auch nicht so mehr oder weniger krampfhaft an der Jugend (oder was auch immer) festklammern