Meeresforschung Quietscheentchen auf hoher See

Einst unbeabsichtigt als Ladung von Bord gegangen, erweisen Tausende Entchen der Wissenschaft einen Dienst. Dank ihrer Reise wissen Forscher nun mehr über Strömungsverhältnisse.

Von Martin Kotynek

Nichts wurde aus ihrem friedlichen Leben in den Badewannen Amerikas - in den vergangenen 15 Jahren waren Pazifik, Arktischer Ozean und Atlantik ihre Heimat.

Ausgesetzt in einer stürmischen Januarnacht, getrieben von Wind und Strömung, eingefroren in das Eis der Arktis und angeknabbert von allerlei neugierigem Meeresbewohnern: 29.000 Enten, Schildkröten, Frösche und Biber aus Plastik haben eine abenteuerliche Weltreise hinter sich. Nach 15 Jahren auf See soll der Schwarm nun in diesem Sommer an der britischen Küste stranden.

Ausgangspunkt ihrer 35.000 Kilometer langen Reise ist Hongkong. Ein Frachtschiff sollte die Plastiktiere aus einer chinesischen Fabrik über den Pazifik nach Seattle bringen, geriet jedoch am 10. Januar 1992 nahe der Datumsgrenze in einen schweren Sturm.

"Friendly Floatees"

Zwölf Container gingen über Bord. Einer öffnete sich und der Inhalt wurde von der Meeresströmung erfasst. Zwei Drittel der Spielzeugfiguren mit der Markenbezeichnung "Friendly Floatees" trieben nach Süden. Dabei legten sie eine Strecke von elf Kilometern pro Tag zurück. Viele von ihnen landeten später an den Küsten von Hawaii, Indonesien, Südamerika und Australien.

10.000 "Floatees" wurden jedoch nach Norden getrieben. Am 16.November 1992 fand ein Spaziergänger in Alaska - 3200 Kilometer vom Unglücksort entfernt - die ersten Planschtiere und informierte den Ozeanographen Curtis Ebbesmeyer in Seattle.

Ebbesmeyer untersucht Meeresströmungen, die Badeenten waren für ihn daher eine "unglaubliche Möglichkeit", sagt er: "Wir haben nur sehr wenige driftende Messgeräte, deren Position wir mit Satelliten bestimmen können. Zudem sind sie teuer und kurzlebig."

29.000 Plastiktiere waren ihm daher sehr willkommen. Er bestimmte den genauen Ort, an dem die Weltreise der Entchen begonnen hatte, und entwickelte ein Computermodell, um ihren Weg zu berechnen.

Subarktischer Meereswirbel

Laut Ebbesmeyer wurde das Spielzeug im Pazifik vom sogenannten subarktischen Meereswirbel erfasst - ein gigantisches Wasserkarussell, das von starken Winden und der Erdrotation angetrieben wird. Der Wirbel ist eine der größten Müllhalden der Welt. Jahr für Jahr verlieren Schiffe bis zu 10000 Container und Fässer.

Viele von ihnen sammeln sich im Wirbel und sind dort eine Gefahr für die Seefahrt. Drei Jahre lang schwammen die Plastiktiere mit dem Müll im Kreis und waren dabei - wohl wegen des Windes - doppelt so schnell wie das Wasser an der Oberfläche.

Als sie an den Rand des Wirbels gerieten, wurden sie von arktischen Strömungen erfasst und durch die Beringstraße getrieben, die Alaska und Russland trennt. Dort werde das Spielzeug im arktischen Packeis eingefroren, berechnete Ebbesmeyer damals mit seinem Modell. Langsam würde es so Richtung Atlantik driften.

Und tatsächlich: Im Jahr 2001 sichteten Seeleute den Schwarm zwischen Grönland und Island. Durch die Sonne und das Salzwasser waren die einst gelben Enten ausgebleicht. Die anderen Tiere hatten jedoch ihre Farbe behalten.

An der Aufschrift "First Years" konnte Ebbesmeyer die Plastiktiere dennoch identifizieren. Zwei Jahre später passierte der Schwarm die Stelle, an der einst die Titanic gesunken war und nahm Kurs auf die Ostküste von Kanada und den USA.

Der Hersteller lobte einen Finderlohn aus - für jedes Plastiktier zahlte er 100 Dollar. Noch im selben Jahr wurden zahlreiche Enten an die Küsten von Maine und Massachusetts geschwemmt. Auch auf den schottischen Hebriden fand ein Anwalt einen der Plastikfrösche. Offenbar hatte sich der Schwarm nach der Passage durch das Nordmeer geteilt.

Von China nach Cornwall

Nun neigt sich die Odyssee durch die Weltmeere ihrem Ende zu. Der amerikanische Teil des Schwarms hat inzwischen die Karibik erreicht und wurde dort vom Golfstrom erfasst. Noch in diesem Sommer sollen die Enten und ihre Kameraden die britischen Inseln erreichen.

"Die erste Welle wird in Cornwall, Südirland und Schottland an Land gespült", sagt Ebbesmeyer. Für den Ozeanographen war die Reise der "Floatees" ein Glücksfall.

Alte Modelle der Meeresströmungen im Pazifik erwiesen sich als ungenau, die Enten hätten ihnen zufolge Alaska erst sechs Monate nach dem tatsächlichen Datum und viel weiter südlich erreichen dürfen.

Mit den Daten von den Plastiktieren können die Strömungsverhältnisse im Pazifik seither genauer bestimmt werden, was vor allem bei Schiffsunglücken eine Rolle spielt. Rettungskräfte können so den Kurs von Ölteppichen und vermissten Booten genauer berechnen.