Meeresforschung Mechanik der Monsterwellen

Monsterwellen wurden lange Zeit als Seemannsgarn abgetan, doch sie sind eine reale Gefahr für Schiffe. Am Beispiel der Welle, die 2010 zwei Passagiere der "Louis Majesty" im Mittelmeer tötete, haben Meeresforscher versucht, Formeln für das Phänomen zu entwickeln.

Von Laura Hennemann

Der Sturm war vorhergesagt worden. Doch die Welle, die am 3. März 2010 das Kreuzfahrtschiff Louis Majesty vor der Küste Barcelonas erfasste, ließ sich durch heftigen Nordostwind allein nicht erklären.

Eine Monsterwelle erfasste am 3. März 2010 das Kreuzfahrtschiff Louis Majesty und zerschlug auf dem fünften Deck mehrere Fensterscheiben (Bild). Zwei Menschen starben. Italienische Wissenschaftler haben versucht, die Welle in einer Computersimulation zu rekonstruieren.

(Foto: AP)

16,7 Meter über der Wasserlinie des Schiffs, auf dem fünften Deck, schlug eine Welle mehrere Scheiben des Kreuzfahrtschiffes ein, zwei Menschen starben, etliche wurden verletzt. Zweifellos hatte eine sogenannte Monsterwelle (freak wave) das Schiff getroffen.

Dieses Unglück haben Forscher um Luigi Cavaleri vom Institut für Meereswissenschaften in Venedig nun mit Computersimulationen untersucht. Doch die theoretische Rekonstruktion wirft Rätsel auf: Nachdem die Wetterdaten des Unglückszeitpunktes in den Rechner eingespeist waren, suchten die Forscher das digitalisierte Meer nach Monsterwellen ab. Doch nirgendwo türmte sich eine mehr als acht Meter hohe Woge auf - gemessen von der durchschnittlichen Wasserlinie.

Das zerstörte Deck der Louis Majesty lag jedoch höher. Zudem dürfte mehr als etwas Gischt von der Wellenspitze nötig sein, um Scheiben zu zertrümmern.

Daher formulieren die Forscher vorsichtig: Ziel der Studie sei es, "den physikalischen Verlauf aufzuzeigen, nicht quantitative Ergebnisse zu liefern", schreiben sie im Journal of Geophysical Research.

Lange wurden Monsterwellen als Seemannsgarn abgetan, erst in den letzten Jahrzehnten begannen Meeresforscher sich für deren Mechanik zu interessieren. Formeln mussten her.

Doch mit einer einfachen Wellengleichung ist es hier nicht getan. Zu komplex ist die Meeresoberfläche, denn Wellen laufen über weite Strecken fast ungedämpft weiter. Auf ihrem Weg überlagern sie sich mit weiteren Wellenzügen, oder ein neuer Wind erzeugt zusätzliche Wellen aus einer anderen Richtung. So entstehen Kreuzseen, seit jeher von Seefahrern gefürchtet.

Kreuzende Wellenzüge gab es wohl auch am 3. März 2010. Ausgehend von meteorologischen Aufzeichnungen identifizierten die Forscher zwei Wellenrichtungen, die erste aus Ostnordost, die zweite von Südosten auf die Unglücksstelle zulaufend. Zudem simulierten sie eine kleine Störung, die zeitweise besonders hohe Wellenberge aufschaukelte. Einen Breather nennen das Meeresforscher, in Anlehnung an das Ein- und Ausatmen.

Seeleute haben dafür längst ihre eigenen Beschreibungen: Sie unterscheiden zwischen "weißen Wänden", Kaventsmännern und den "drei Schwestern" - letztere eine Abfolge dreier hoher Wellen. Tatsächlich haben Forscher viele dieser Effekte bereits in Wasserbecken künstlich erzeugt. Darunter waren auch Breather-Wellen, allerdings in verkleinertem Maßstab. Sie brachten bislang lediglich ein Playmobil-Bötchen zum Kentern. Um das Unglück der Louis Majesty zu erklären, braucht es wohl noch mehr Wellenkunde.