Mathematik Neun Ziffern gegen einen

Europa ist der Faszination des japanischen Zahlenrätsels Sudoku verfallen - die höhere Mathematik dahinter erahnen die meisten Spieler nur.

Von Wolfgang Blum

Es scheint eine Sucht zu sein. Die Abhängigen sind überall zu sehen. In Büros, Klassenzimmern, U-Bahnen, Flugzeugen - immer ist es das gleiche Bild.

Ausgabe Mathematik

Die Macht der Zahlen - Sudoku.

(Foto: )

Menschen sitzen da, mit Stiften in der Hand, beugen sich über Zettel mit Kästchen und Zahlen darauf, murmeln, fahren senkrecht und waagrecht über die Blätter, als steuere sie eine geheime Macht. Das Phänomen hat einen Namen: Sudoku.

Wie bei vielen kniffligen Spielen und Rätseln sind die Regeln einfach: In ein Schema aus neun mal neun Kästchen sollen die Ziffern Eins bis Neun so eingetragen werden, dass in jeder Zeile und in jeder Spalte jede Ziffer genau einmal vorkommt.

Logisches Denken, Konzentration und eine Schwäche für Ordnung

Zudem sind die 81 Kästchen in neun quadratische Blöcke aufgeteilt. Auch in diesen Blöcken soll jede Ziffer genau einmal stehen. Zu Beginn sind bereits einige Zahlen in das Gitter eingetragen. Der Rätsellöser soll die anderen gemäß den Regeln finden und einsetzen.

Geübte Sudokisten schaffen leichte bis mittelschwere Rätsel in einer Viertelstunde, manchmal aber dauert es Stunden, bis das Gitter gefüllt ist. Spötter sagen, die Zahlenrätsel seien ein Spiegel unserer Zeit. Sie zu lösen, verlange weder Bildung, Kultur noch Sprache.

"Alles, was man braucht, ist logisches Denken, Konzentration und eine Schwäche für Ordnung", bestätigt der Schweizer Stefan Berner, einer von 84 Teilnehmern aus 22 Ländern an der ersten Sudoku-Weltmeisterschaft, die im März 2006 im italienischen Lucca ausgetragen wurde.

Gewonnen hat dort Jana Tylova, eine 31-jährige Buchhalterin aus Tschechien, die eigenen Angaben zufolge täglich etwa zwei Stunden trainiert. Die vier deutschen Teilnehmer belegten nur hintere Plätze. Erstaunlicherweise finden sich unter den Sudoku-Fans viele Menschen, die Mathematik in der Schule nie gemocht haben und immer noch eine ausgeprägte Ablehnung dem Fach gegenüber pflegen.

Wie Diskussionen im Internet belegen, scheinen sie zu glauben, Sudokus verhielten sich zur Mathematik wie Buchstabensuppe zu Goethes "Faust". Freilich sind die verbreiteten 9-mal-9-Rätsel nicht die Speerspitze der Forschung, aber wer das Problem verallgemeinert, kommt schnell bei den schwersten Problemen an, die die Mathematik zu bieten hat.

Und auch zur Lösung ganz normaler Sudokus sind mathematische Fertigkeiten gefragt: strikt logisches Vorgehen, Kombinieren von Sachverhalten, langes Grübeln, bis einem die Lösung vor Augen steht.

Erst Sudokus haben die Deutschen verführt, mathematisch zu denken

"Der Gedanke, Sudokus hätten nichts mit Mathematik zu tun, ist abstrus", sagt Thorsten Koch vom Konrad-Zuse-Zentrum für Informationstechnik in Berlin. Koch hat ein Computerprogramm für die Zahlenrätsel geschrieben. Selbst löst er keine.

Schließlich beschäftige er sich schon beruflich zur Genüge mit Mathematik, sagt er. "Sudoku ist angewandte Logik, die wir im normalen Leben fast nie einsetzen können", argumentiert Wayne Gould, der die in Japan seit Langem populären Rätsel auch im Westen eingeführt hat.

Sudokus befriedigten ein urmenschliches Grundbedürfnis, nämlich durch Nachdenken Ordnung ins Chaos zu bringen. Eigenen Angaben zufolge löst der pensionierte Strafrichter Gould täglich ein Sudoku. Albrecht Beutelspacher grübelt hingegen nur gelegentlich über einem. Dennoch wundert es den Mathematikprofessor von der Universität Gießen nicht, dass sich so viele damit beschäftigen.

"Die Menschen haben Spaß daran zu denken", ist der Gießener überzeugt, der zugleich das dortige Mathematikmuseum leitet. Ihm stelle sich weniger die Frage, warum das Zahlenrätsel so beliebt ist, sondern vielmehr, warum die Mathematik so unbeliebt ist. Denn auch sie habe sehr viel mit Denken zu tun: "Aber das wird in der Schule nicht vermittelt."

Erst das Lösen von Sudokus hat die Deutschen nachhaltig dazu verführt, mathematisch zu denken. Die Verlockung ist hierzulande erst seit wenigen Monaten verbreitet; sie hat ihre Opfer über London, Hongkong, Tokio und New York erreicht.