Kommentar Es tut sich was

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Verflechtungen zwischen Pharmaindustrie und Meinungsbildern in der Medizin sind groß. Doch immer mehr Initiativen liefern unabhängige Infos.

Von Werner Bartens

Wo bleibt das Positive? Vielleicht hier: Vor zehn Jahren wurden noch 90 Prozent aller ärztlichen Fortbildungen von der Industrie unterstützt. Pharma- und Medizintechnikfirmen finanzierten Tagungen, unterstützen Referenten und schlugen Redner vor. Nicht immer war falsch, was auf solchen Kongressen erzählt wurde. Etwas einseitig, verzerrt und unter besonderer Berücksichtigung bestimmter Produkte war es hingegen oftmals schon. Heute ist das anders. Inzwischen werden nur noch 80 bis 85 Prozent der Fortbildungen für Ärzte von der Industrie begleitet.

Es hat sich etwas getan. Ärztekammern und manche Fachgesellschaften haben zu direkte Einwirkungen untersagt. Mit Compliance-Richtlinien versuchen die Firmen selbst, Exzesse zu verhindern. Doch es ist immer noch schwierig, unabhängige, ausgewogene Informationen in der Medizin zu bekommen. Zu eng sind die Verflechtungen zwischen Ärzten und Industrie, zu versteckt sind die Interessen vieler Meinungsbildner unter den Medizinern, die nicht nur ihre Kollegen fortbilden, sondern auch als Berater, hauptverantwortliche Forscher oder gut dotierte Redner im Dienste der Arzneimittelhersteller stehen.

Es ist möglich, Fortbildungen ohne Finanzspritzen von Unternehmen zu organisieren

Insofern ist die neue Initiative "Libermed" nur zu begrüßen, in deren Rahmen unabhängige und kritische medizinische Fortbildungen angeboten werden. Zunächst in den Bereichen Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Neurologie, andere Fachgebiete sollen folgen. Wie schon der Zusammenschluss "Neurology first" von unabhängigen Nervenärzten zeigt, ist es möglich, Tagungen und Fortbildungen zu konzipieren, die nicht kostspieliger sind als jene, die mit Finanzspritzen der Industrie organisiert werden. Das Argument, die Fortbildungen würden zu teuer, wenn die Firmen weiter zurückgedrängt werden, zählt also nicht.

Immer häufiger wollen Ärzte es nicht hinnehmen, dass ihr Wissenserwerb von Pharmawerbung und Sponsoring umrankt sind. Die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin arbeitet mit der werbefreien Plattform "Deximed" zusammen, die den Anspruch hat, auch zu kritischen Themen evidenzbasiertes Wissen zu liefern, das unabhängig von der Industrie ist. "Arzneitelegramm" und "Arzneimittelbrief", ebenfalls unabhängig und anzeigenfrei, gibt es schon seit Jahrzehnten. Ihnen sind ebenso wie der Initiative "Mezis" ("Mein Essen zahle ich selbst") mehr Anhänger und Abonnenten zu wünschen. Initiativen dieser Art gibt es also, und es werden stetig mehr. Es ist im Interesse der Ärzte, derartige Bestrebungen zu unterstützen: Wer das Beste für seine Patienten will, muss aus unabhängiger Quelle wissen, was hilft - und was nicht.