Klimawandel Der Politik gehen die Ausreden aus

Internationale Forscher appellieren eindringlich an die Politiker der Welt, das Klima zu schützen: "Es gibt keine Entschuldigung dafür, nicht zu handeln".

Von Christopher Schrader

Im Kampf gegen den Klimawandel "gibt es keine Entschuldigung dafür, nicht zu handeln". Mit diesem Appell an die Politiker der Welt ist am Donnerstag in Kopenhagen ein Kongress von mehr als 2500 Wissenschaftlern zu Ende gegangen.

Die von einem internationalen Verbund von Universitäten veranstaltete Konferenz hatte sich zum Ziel gesetzt, den aktuellen Stand der Klimaforschung zusammenzutragen. Die Regierungen der Erde sollen sich darauf stützen können, wenn sie im Dezember im gleichen Konferenzzentrum ein globales Abkommen zum Klimaschutz aushandeln.

Die Organisatorin der Konferenz, Katherine Anderson von der Universität Kopenhagen, hat auf der Abschlusssitzung dem dänischen Ministerpräsidenten Anders Fogh Rasmussen sechs zentrale Botschaften der versammelten Wissenschaftler vorgetragen.

Demnach werden zurzeit die schlimmsten Annahmen des UN-Weltklimarats IPCC aus dem Jahr 2007 Realität; dieser hatte bis zum Ende des Jahrhunderts eine mittlere Erwärmung der Erde um vier Grad Celsius angegeben, falls die Welt ihren Treibhausgasausstoß nicht massiv eindämmt.

Den in Kopenhagen versammelten Forschern zufolge verlassen bereits heute wichtige meteorologische Bedinungen den natürlichen Schwankungsbereich, in dem sich bislang die menschliche Zivilisation und ihr Wirtschaftssystem entwickelt haben. Dazu gehörten die globale Temperatur, die Höhe des Meeresspiegels und die Ausdehnung der Eismassen an den Polen. Arme Nationen seien hochgradig gefährdet. Stiegen die Temperaturen um mehr als zwei Grad Celsius an, könnten viele Gesellschaften die Veränderungen kaum noch bewältigen.

Rasmussen lobte die Arbeit der Wissenschaftler als "unverzichtbare Vorbereitung" für den Klimagipfel im Dezember. "Ich hoffe, dass sich die ganze Welt zusammenschließt und eine Erwärmung von maximal zwei Grad als Ziel beschließt", sagte der Ministerpräsident. "Die Menschen in vielen Ländern fordern Aktionen. Die Regierungen werden stürzen, wenn sie dabei versagen."

Tatsächlich war auf der Konferenz großer Optimismus zu spüren, dass die Politiker im Dezember ein weitreichendes Abkommen beschließen werden. "In den vergangenen beiden Jahren hat sich die Stimmung stark geändert", sagte Rajendra Pachauri, der Vorsitzende des IPCC.

Ähnlich äußerte sich Lord Nicholas Stern von der London School of Economics, der 2006 die weltweiten Kosten des Klimawandels sowie dessen Vermeidung bilanziert hatte. Viele Verhandlungsführer seien fest entschlossen, eine Einigung zu erzielen. "Aber die Zeit ist nicht auf unserer Seite", warnte Stern. Jede Verzögerung mache die Begrenzung des Klimawandels schwieriger und teurer.

Zudem kann es den Wissenschaftlern zufolge bei den Verhandlungen im Dezember nicht nur darum gehen, den Ausstoß an Treibhausgasen zu begrenzen. "Die Menschheit muss den Kampf gegen Armut und gegen den Klimawandel gewinnen, oder sie wird beide verlieren", sagte Stern.

Die Armen müssen den Reichen diktieren können

Darum müssen die armen Nationen den reichen die Bedingungen eines Abkommens diktieren können. Auch Rasmussen sagte, die Industrieländer müssten mit einer starken Reduktion der Treibhausgase vorangehen. Gleichzeitig sollten sie große Finanzmittel bereitstellen, um den Entwicklungsländern zu Wirtschaftswachstum unter den erschwerten Bedingungen einer veränderten Umwelt zu verhelfen.

Besonders drastisch skizzierte Hans Joachim Schellnhuber vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung die Konsequenzen einer ungebremsten Erwärmung. "Wenn sich die Welt um fünf Grad erwärmt, kann sie auf Dauer nur noch eine Milliarde Menschen ernähren", rechnete er vor, der Rest fände keine Existenzbasis mehr. Zurzeit gibt es sechs Milliarden Menschen, bis 2050 dürfte die Zahl auf neun Milliarden wachsen.