Klimaschutz konkret Mission der Möglichkeiten

Klimaschutz wird in Deutschland oft noch als Luxus begriffen - dabei ist vieles ganz einfach.

Von Michael Bauchmüller

Große Dinge geschehen mitunter ganz leise. Quasi durch Nichtstun hat die Bundesregierung am Montag ihr völkerrechtlich vereinbartes Klimaschutzziel erreicht, mehr noch: Sie wird es übererfüllen. Berlin ließ eine letzte Klagefrist verstreichen, verzichtete auf Einspruch gegen die Brüsseler EU-Kommission.

Energiesparen Klimaschutz Strom

Passivhäuser kommen ohne ein aktives Heizsystem aus

(Foto: Foto: ddp)

Die hatte Deutschlands Klimaschutzpläne im November zurückgewiesen: als zu zahnlos. Also müssen die größten deutschen Klimaschädiger, Kraftwerke und Fabriken, von 2008 an noch einmal drastisch ihre Kohlendioxid-Emissionen senken.

Deutschland, das sich bis 2012 auf ein 21-prozentiges Minus verpflichtet hatte, erreicht auf diese Weise 23, vielleicht sogar 24 Prozent weniger Treibhausgase. Das dürfte aber erst der Anfang sein.

Bis 2020 will Deutschland sogar auf 40 Prozent Minus gegenüber 1990 kommen, sofern die anderen EU-Länder mitmachen. Und bis 2050, so schätzt das Umweltbundesamt, müssten die Industrieländer ihre Treibhausgasemissionen um bis zu 80 Prozent mindern - um zumindest die schlimmsten Folgen der Erderwärmung aufzuhalten.

Industrie droht mit Abbau von Arbeitsplätzen

Dass es eine solche Erwärmung gibt, dass sie auf menschliches Wirtschaften zurückgeht, gilt mittlerweile als unbestritten, selbst im Klimarat der Vereinten Nationen. "Wenn wir den Trend stoppen wollen, müssen wir sehr beherzt handeln", sagt Margareta Kulessa, Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat Globale Umweltveränderungen, einem Beratergremium der Bundesregierung, das am Montag ein eigenes Konzept vorlegte. Nur wie?

Sobald der Klimaschutz konkret wird, sind Ängste und Drohungen nicht fern. Schärfere Grenzwerte für Autos? Vernichtet 10.000 Arbeitsplätze in der deutschen Industrie. Härtere Auflagen für Kraftwerke? Treiben den Strompreis hoch und die Unternehmen aus dem Land. Ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen? Den PS-verliebten Deutschen kaum zuzumuten.

Eine Begrenzung der Flugzeug-Emissionen? Nur, wenn sie den Boom der Branche nicht bremst. "Wettbewerbsfähigkeit ist von Nachhaltigkeit nicht zu trennen", argumentiert die Branche.

So sprach noch jeder Wirtschaftszweig, der sich am Klimaschutz beteiligen sollte. "Klimaschutz ist deshalb so schwer, weil er die Industrie zum Umlenken zwingt", sagt Felix Matthes vom Öko-Institut in Berlin.

Restwärme in die Häuser

Dabei gibt es reichlich Potential. Bei der Erzeugung von Strom etwa verschwinden immer noch zwischen 70 und 50 Prozent der eingesetzten Rohstoffe als Abwärme in Flüssen oder in der Luft. Es ginge auch anders: Moderne Kraftwerke erzeugen Strom und schicken ihre Restwärme durch Rohre in die Häuser. Im Idealfall käme die Energie sogar ganz klimaneutral aus nachwachsender Biomasse.

Stromverschwendung ist ein Problem beim Klimaschutz. Deutschland, das sich als Vorreiter sieht, würde zwar gerne viel effizienter damit umgehen. Aber allein der Stromverbrauch stieg von 1993 bis 2005 um 18 Prozent und ist verantwortlich für fast die Hälfte der gesamten deutschen Kohlendioxid-Fracht.

"Was Deutschland an Brennstoffen und mit modernen Kraftwerken eingespart hat, ist vom höheren Stromverbrauch voll kompensiert worden", sagt Helmut Kaschenz, im Umweltbundesamt zuständig für "rationelle Energienutzung". Am stärksten hat die Industrie zugelangt: Sie braucht mittlerweile ein Drittel mehr Strom als 1993 - und könnte doch stattdessen viel einsparen.

Vor allem elektrische Antriebe verbrauchen immer noch zu viel Strom oder werden zu selten abgeschaltet, warnen Experten. Auch in den Häusern herrscht Verschwendung: durch ineffiziente Elektrogeräte, alte Glühbirnen oder High-Tech-Maschinen, die sich über Nacht nicht ausschalten lassen.

Umweltschützer erwägen, konventionelle Glühbirnen-Hersteller öffentlich anzuprangern, um die Debatte stärker auf das Energiesparen zu lenken. "Wir brauchen einen intelligenten Umgang mit Energie", sagt Umweltamt-Experte Kaschenz.

Sparen mit ordentlicher Wärmedämmung

Beispiel Heizungen: Brennwertkessel etwa nutzen die Abwärme von Öl- und Gasheizungen gleich mit. Ersparnis: bis zu zehn Prozent. Wer Fenster zum Lüften nicht lange kippt, sondern sie kurz und beherzt für ein paar Minuten aufreißt, schmeißt Wärme und Geld nicht zum Fenster heraus.

Ganz abgesehen davon, dass manches Haus, einmal ordentlich gedämmt, weit weniger verbraucht als zuvor. Auch sparsame Autos und ein bedachtsamer Fahrstil schonen das Klima.

"Noch", sagt Umwelt-Beirätin Kulessa, "ist der Klimawandel zu stoppen." Leider aber könne sie für 2006 nur "Fortschrittchen" konstatieren. Da müssten jetzt schon "Riesenschritte" folgen. Deutschland, derzeit an der Spitze von EU und dem Industriestaaten-Club G 8, könne dafür eine ganze Menge tun.