Es ist nicht zu erwarten, dass sich ähnliches in Europa und Nordamerika ereignet. Hier sind die ökologischen Auswirkungen des Klimawandels geringer, die sozialen Verhältnisse sind fester, und mit einem funktionsfähigen Staatsapparat steht ein Institutionenset bereit, das zu effektiver Vor- und Nachsorge in der Lage ist. Die sozialen Folgen des Klimawandels sind also ungleich verteilt; er wird vor allem die Schwachen treffen, und die Starken, die ihm besseren Widerstand entgegensetzen können, wird er nur leicht berühren.

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Man mag über solche neuerliche Ungerechtigkeit lamentieren; es gehört zu den Vorzügen von Welzers Buch, dass es sich dabei nicht lange aufhält. Statt dessen wendet es sich den Migrationsströmen zu, die dann erst recht - man rechnet bis zur Jahrhundertmitte mit deren Verzehnfachung - gegen die Grenzen Europas und Nordamerikas anbranden werden.

Fatalismus ist fehl am Platz

Welzer beschreibt ausführlich die Vorbereitungen, die seiner Auffassung nach schon heute zu deren Abwehr getroffen werden. Und er geht davon aus, dass das Ausmaß der terroristischen Bedrohung noch einmal deutlich anwachsen wird. Wenn die Elendsmigranten zu Hunderttausenden abgewiesen werden, werden sich einige ihrer hier lebenden Landsleute oder Glaubensbrüder in Bomben verwandeln, um Rache zu üben oder ein politisches Zeichen zu setzen. So werden die Klimakriege schließlich auch die Gebiete erfassen, die sich zunächst gegen sie haben abschotten können.

Trostlose Aussichten. Können wir ihr Wirklichwerden noch abwenden? Welzer entwirft am Schluss seines Buches zwar auch ein optimistisches Szenario, aber im Anschluss daran lässt er ziemlich eindeutig durchblicken, dass er eine solche Umkehr für wenig wahrscheinlich hält. Es gehört zum Wesen der Klimaveränderung, dass diejenigen, die durch Einschränkung oder veränderte Lebensführung etwas dagegen tun, keine nur sie betreffenden Effekte generieren können, und weil das klimaignorante Verhalten der anderen sie ebenso betrifft, sind die Anreize zu einer anderen Form des Wirtschaftens zu gering, um Wirkung zu zeitigen.

Eine internationale Kooperation könnte nur greifen, wenn die Schwellenländer sich vom Weg nachholender Modernisierung abbringen ließen. Das wird angesichts ihrer gerade erst begonnenen Aufholjagd nicht der Fall sein. Es spricht vieles dafür, dass Welzer ein Zukunftsszenario entworfen hat, das mit einiger Wahrscheinlichkeit eintreten wird.

Das Gefährliche an Welzers Buch ist freilich, dass es dazu verleitet, auf politisches Gegenhandeln zu verzichten, weil man damit doch nichts ändern könne. Man sollte das von Welzer entworfene Szenario statt dessen als Herausforderung begreifen. Fatalismus ist gerade angesichts einer solchen Prognose fehl am Platz.

HARALD WELZER: Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2008. 321 Seiten, 19,90 Euro.

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(SZ vom 14.04.2008/mcs)