Kernkraftwerke Höheres Leukämie-Risiko

Kinder erkranken im Umkreis von Atomkraftwerken tatsächlich häufiger an Leukämie. Doch die Strahlenschutzkommission sieht keinen Zusammenhang mit Radioaktivität.

Von Johannes Pennekamp

Kinder unter fünf Jahren, die im Umkreis eines Atomkraftwerks aufwachsen, sind einem erhöhten Leukämie-Risiko ausgesetzt. Allerdings gebe es keinen zwingenden Zusammenhang zwischen den Krankheitsfällen und der schwachen radioaktiven Strahlung, die von Atomreaktoren ausgehe.

Das Kernkraftwerk Gundremmingen in der Nähe von Ulm. Was verursacht die Leukämie?

(Foto: Foto: ddp)

So lautet das Ergebnis der Strahlenschutzkommission (SSK), die eine Studie überprüft hat, die Leukämiefälle auf die Nähe zu Atomkraftwerken zurückführt.

"Die Strahlung der Atomkraftwerke müsste um das Tausendfache größer sein, um die beobachteten Risiken erklären zu können", sagte der Vorsitzende der Strahlenschutzkommission, Rolf Michel, am Donnerstag in Berlin. Die Ursachen für die Erkrankungen seien nach wie vor unbekannt.

Im Dezember 2007 hatte eine Untersuchung Unruhe ausgelöst, die festgestellt hatte, dass im Fünf-Kilometer-Umkreis von Atomkraftwerken zwischen 1980 und 2003 insgesamt 37 Kinder unter fünf Jahren an Leukämie erkrankt waren.

Im statistischen Durchschnitt wären 17 Neuerkrankungen zu erwarten gewesen. Auch die Autoren der Studie hatte seinerzeit betont, mit dem "derzeitigen wissenschaftlichen Erkenntnisstand" seien die Ergebnisse "nicht strahlenbiologisch erklärbar". Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) hatte daraufhin die Strahlenschutzkommission mit einer Bewertung der Studie beauftragt.

Die Kommission kritisiert nun, dass die Studie keine Aussagen darüber mache, ob die Strahlenbelastung der Atomkraftwerke oder andere Faktoren für die Leukämieerkrankungen verantwortlich seien. SSK-Chef Michel schloss aus, dass die Reaktorstrahlung für die Erkrankungen verantwortlich ist: "Auch in Gemeinden und Regierungsbezirken ohne Kernreaktoren gibt es unerklärlich hohe Erkrankungsraten", sagte er. "Uns fehlt es ganz grundsätzlich an einem Grundverständnis dafür, wie Leukämie bei Kindern entsteht", gab Michel zu.

Mögliche Ursachen seien die Belastung der Umgebung mit Herbiziden und Pestiziden, sowie die Verbreitung von Infektionskrankheiten, die das Immunsystem angriffen. "All diese Faktoren hat die Untersuchung außen vor gelassen", sagte Michel. Weitere Forschungsprojekte seien nötig.

Das Umweltministerium sieht trotz der Bestätigung des erhöhten Risikos keinen Anlass, neue Strahlenschutzmaßnahmen zu veranlassen. Eine Verschärfung der Grenzwerte sei nicht geplant, heißt es in einer Mitteilung des Ministeriums.

Die Strahlenschutzkommission und das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) forderten die Politik auf, mehr Geld für die Grundlagenforschung bereitzustellen. "Dass es ein erhöhtes Leukämie-Risiko gibt, steht fest. Jetzt müssen wir endlich herausfinden, warum das so ist", sagte BfS-Experte Wolfgang Weiss.