Interview mit Albert Einstein "Ich bin nur neugierig"

Albert Einstein über die Gründe, warum ausgerechnet er die Relativitätstheorie erfunden hat und seine Person dabei gar nicht so wichtig ist. Die Fragen dieses fiktiven Interviews stellte Holger Wormer.

SZ Wissen: Die berühmteste Formel der Menschheitsgeschichte lautet E = mc2. Warum ist, mit Verlaub, ausgerechnet Ihnen dieser Geniestreich gelungen? Einem Mann, der nach seinem Studium als Experte III. Klasse am Eidgenössischen Amt für geistiges Eigentum arbeitete.

Einstein: Wenn ich mich frage, woher es kommt, dass gerade ich die Relativitätstheorie gefunden habe, so scheint es an folgendem Umstand zu liegen: Der normale Erwachsene denkt nicht über Raum-Zeit-Probleme nach.

Alles, was darüber nachzudenken ist, hat er nach seiner Meinung bereits in der frühen Kindheit getan. Ich dagegen habe mich derart langsam entwickelt, dass ich erst anfing, mich über Raum und Zeit zu wundern, als ich erwachsen war. Naturgemäß bin ich tiefer in die Problematik eingedrungen als ein gewöhnliches Kind.

SZ Wissen: Und wenn Sie die Theorie nicht formuliert hätten, wäre dann jemand anderes darauf gekommen?

Einstein: Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Ernst Mach auf die Relativitätstheorie gekommen wäre, wenn in der Zeit, als er jugendfrischen Geistes war, die Frage nach der Bedeutung der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit schon die Physiker bewegt hätte.

Es erscheint mir nicht gerecht, wenn man einigen wenigen Menschen in maßloser Bewunderung übermenschliche Kräfte des Geistes andichtet. Dies ist nun gerade mein Schicksal geworden, und es besteht ein grotesker Gegensatz zwischen dem, was mir Menschen an Fähigkeit und Leistung zuschreiben, und dem, was ich wirklich bin und vermag. Mit mir hat man einen Kultus betrieben, dass ich mir vorkomme wie ein Götzenbild.

SZ Wissen: Aber was hatten Sie anderen Forschern voraus?

Einstein: Ich habe keine besondere Begabung, sondern bin nur leidenschaftlich neugierig. Aber es ist sehr gut möglich, dass ich ohne meine philosophischen Studien nicht auf die Lösung gekommen wäre.

SZ Wissen: Das Zusammenwirken von Philosophie und Physik erschließt sich nicht unbedingt auf den ersten Blick. Wo ist da der Zusammenhang?

Einstein: Begriffe, welche sich bei der Ordnung der Dinge als nützlich erwiesen haben, erlangen über uns leicht eine solche Autorität, dass wir sie als unabänderliche Gegebenheiten hinnehmen. Sie werden zu "Denknotwendigkeiten" gestempelt. Der Weg des wissenschaftlichen Fortschritts wird durch solche Irrtümer oft für lange Zeit ungangbar gemacht.

Es ist deshalb keine müßige Spielerei, wenn wir darin geübt werden, die geläufigen Begriffe zu analysieren. Dadurch wird ihre allzu große Autorität gebrochen. Der Leser errät schon, dass ich hier auf Begriffe der Lehre von Raum und Zeit anspiele, welche durch die Relativitätstheorie eine Modifikation erfahren haben.

SZ Wissen: Fühlen Sie sich für die Folgen verantwortlich? Hätte es ohne Ihre Entdeckung der Äquivalenz von Masse und Energie keine Atombombe gegeben?

Einstein: Ich betrachte mich nicht als den Auslöser der Atomenergie.

Mein Anteil daran war ein sehr indirekter. Ja, ich hätte nicht geglaubt, dass die Kernspaltung zu meinen Lebzeiten verwirklicht würde. Das geschah durch die zufällige Entdeckung der Kettenreaktion - ein Phänomen, das ich nicht voraussehen konnte.

Sie denken, dass ich armseliges Geschöpf durch das Auffinden der Beziehung zwischen Masse und Energie zu der Herbeiführung unserer lamentablen Situation wesentlich beigetragen hätte.

Aber es wäre doch lächerlich gewesen zu versuchen, diese Konsequenz der Speziellen Relativitätstheorie zu verschweigen. Die Theorie selbst aber verdankt ihre Entstehung der Bemühung, die Eigenschaften des Licht-Äthers herauszufinden!

SZ Wissen: Immerhin haben Sie sich aber verpflichtet gefühlt, vor der Entwicklung einer Wasserstoffbombe zu warnen.

Einstein: Sie bringt radioaktive Verseuchung der Atmosphäre und damit die Vernichtung alles Lebendigen in den Bereich des Möglichen.

Das Gespenstische dieser Entwicklung liegt in ihrer scheinbaren Zwangsläufigkeit. Jeder Schritt erscheint als unvermeidliche Folge des vorangehenden. Als Ende winkt immer deutlicher die allgemeine Vernichtung.

SZ Wissen: Die Suche nach Naturgesetzen galt für Sie als erhabene Aufgabe. Warum aber neigt der Mensch dazu, aus edlen Erkenntnissen regelmäßig auch das denkbar Schlechteste zu machen?

Einstein: Ich glaube, dass der erschreckende Verfall im ethischen Verhalten der Menschen in erster Linie mit der Mechanisierung und Entpersönlichung unseres Lebens zu tun hat.

Ich sehe nicht den Weg, um diesem verhängnisvollen Mangel beizukommen. Wenn aber Bemühung nicht hilft und die Menschen in Selbstzerstörung enden, so wird ihnen der Kosmos keine Träne nachweinen. Die Antworten sind original Einstein-Zitate.