Impfstoff gegen Grippe Einer gegen viele

Das Grippevirus verändert immer wieder seine Gestalt - das macht es so schwierig, sich darauf vorzubereiten. Eine jetzt entdeckte Schwachstelle könnte den Weg zu einem neuen Impfstoff ebnen.

Von Hanno Charisius

In jedem Jahr beginnt unter Infektionsmedizinern wieder das große Rätselraten: In welcher Gestalt wird das Grippevirus diesmal über den Planeten kommen?

Forscher haben einen Ansatzpunkt für einen Universalimpfstoff gegen Grippeviren entdeckt.

(Foto: Foto: dpa)

Weil Influenzaviren so wandlungsfähig sind, muss die Impfstoffrezeptur von Saison zu Saison an den aktuellen Erregertyp angepasst werden, sonst bliebe die Spritze wirkungslos.

In diesem Wettlauf gegen den Erreger haben Mikrobiologen jetzt einen Vorteil herausgearbeitet: Sie haben einen Angriffspunkt an dem Virus gefunden, der sich von Jahr zu Jahr kaum verändert. Dort könnte ein Universalimpfstoff ansetzen, so hoffen die Forscher - oder gar ein neues Medikament.

Den Schwachpunkt der Viren haben zwei internationale Forscherteams unabhängig voneinander entdeckt. Bereits Anfang der Woche beschrieb die Gruppe um Wayne Marasco von der Harvard Medical School in Boston eine Region auf der Hüller der Erreger, die bei vielen untersuchten Viren offenbar ähnlich aussieht.

Die Forscher hatten im Labor Antikörper hergestellt und beobachtet, dass diese gegen eine Vielzahl von Influenzatypen wirken und nicht nur gegen einen. So kamen sie zu dem Schluss, dass der Angriffspunkt bei verschiedenen Virusvarianten nahezu identisch aussieht, sonst würden die Antikörper sie nicht bremsen können (Nature Structural & Molecular Biology, online).

Am heutigen Donnerstag veröffentlicht das Team um Ian Wilson vom kalifornischen Scripps Institut im Fachblatt Science (online) einen ähnlichen Bericht. Auch diese Gruppe arbeitete - wie das Team um Marasco - mit Antikörpern, die wahrscheinlich gegen den selben Angriffspunkt auf der Virusoberfläche gerichtet sind.

"Sie kommen unabhängig voneinander zu ähnlichen Ergebnissen", sagt der New Yorker Influenza-Experte Peter Palese. Dies könne Basis für einen universellen Grippeimpfstoff sein.

Die Antikörper hätten "definitiv das Potential, um sie sofort als Wirkstoff gegen Influenza einzusetzen", sagt Wilson selbstbewusst. Er gibt aber auch zu bedenken, dass die Antikörper längst nicht gegen sämtliche bekannten Influenzatypen wirken - gegen die Erreger in dieser Saison hätten sie zum Beispiel nichts ausgerichtet. Somit ist es zweifelhaft, dass sich die Grippeviren durch Wirkstoffe, die an dem nun entdeckten Schwachpunkt ansetzen, endgültig werden ausrotten lassen.