Hypnosetherapie Die Tiefseher

Hypnose galt lange Zeit als fauler Zauber, heute erkennen Forscher zunehmend ihren therapeutischen Wert: Warum Trance heilt - und was dabei im Gehirn passiert.

Von Katharina Kramer

Halten Sie die Hände so, als würden Sie einen Ball anfassen. Konzentrieren Sie sich auf den Mittelpunkt des Balls." Die Stimme von Ortwin Meiss ist dunkel, weich, der Ton ruhig und bestimmt. "Erinnern Sie sich daran, wie sich das anfühlt, einen Ball in der Hand zu halten. Dieses Gefühl in den Handflächen."

Schon Hunderte Menschen hat diese Stimme angeleitet. Spitzensportler, Geschäftsleute folgten ihr auf Reisen in andere Welten - so wie jetzt die skeptische Journalistin, die im Ledersessel in der Hamburger Praxis des Psychologen Platz genommen hat.

"Allmählich wird der Ball immer kleiner. Jetzt entsteht eine Art magnetisches Feld zwischen den Händen. Es beginnt zu ziehen", sagt Meiss - und tatsächlich spürt die Probandin, wie sich Muskeln in ihren Oberarmen regen. Leicht zitternd erst. Dann ein kleiner Ruck, und ihre Hände bewegen sich aufeinander zu. Bewusst steuert sie diese Bewegungen nicht.

Es ist ein merkwürdiges Gefühl, dem eigenen Körper dabei zuzuschauen, wie er sich selbstständig macht. Und doch fühlt sich die Trance anders an als erwartet. Der Verstand scheint hellwach zu sein, ein gutes Gefühl für eine Skeptikerin: die Konzentration jederzeit lösen, aufstehen und aus dem Raum spazieren zu können.

"Beide Hände gehen nun zusammen wie zwei Menschen, die aufeinander zugehen", spricht der Hypnotherapeut in ruhigem Singsang. "Mal geht der eine, mal der andere. Der Abstand zwischen den Händen schmilzt wie Schnee in der Sonne." Da berühren die Hände sich. Ganz von selbst haben sie eine Distanz von knapp einem halben Meter überwunden.

Wie kann das sein? Was ist das Geheimnis der Trance? Obwohl Schamanen und Heiler schon vor Jahrtausenden andere Bewusstseinszustände heraufbeschworen, wie uralte Quellen belegen, ist diese Frage bis heute nicht letztgültig beantwortet.

Nikotinsucht, Migräne, Schmerzen

Stattdessen nutzten Scharlatane die Wissenslücke lange Zeit und füllten sie mit bizarren Bühnenshows, in denen hypnotisierte Menschen lächerliche Dinge taten - auf Knien Gegenstände apportieren oder in saure Zitronen beißen in der suggerierten Ansicht, es seien Äpfel.

Obwohl jahrzehntelang diskreditiert und bislang ohne anerkannte Definition, verdankt die Hypnose ihre moderne therapeutische Existenz heute vor allem ihren Heilerfolgen. Etwa 10.000 Psychologen und Ärzte praktizieren sie in Deutschland.

Als Behandlungsmethode vom Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie anerkannt bei körperlichen Erkrankungen, die durch psychische oder soziale Faktoren bedingt sind. Bei Nikotinsucht zum Beispiel, Migräne, Schlaflosigkeit und bei chronischen Schmerzen gibt es Hypnose längst auf Krankenschein.

Bei Kindern und Jugendlichen ist nachgewiesen, dass sie mit Hypnose Chemotherapien gegen Krebs besser vertragen. Über alle Anwendungsgebiete hinweg liege die Erfolgsquote bei rund 70 Prozent, meldet die Deutsche Gesellschaft für Hypnose und Hypnotherapie.

Knapp 200 Studien aus aller Welt belegen mittlerweile die Wirksamkeit der Therapieform. Was den Ruf der Hypnose aber bald gänzlich retten könnte: Auch das Wissen um die geheimnisvollen Kräfte und Mechanismen wächst zurzeit enorm. Die Kenntnisse beispielsweise, wie es sein kann, dass die Hände der Probandin den Worten des Hypnotherapeuten folgen, als wären es nicht ihre eigenen, als würden sie von einem Kran gezogen.

Der dritte Zustand

Die Neurowissenschaftlerin Sarah-Jayne Blakemore vom Londoner University College zeigte in einer Studie mit dem bildgebenden Verfahren PET (Positronen-Emissions-Tomografie), dass das Gehirn solche Bewegungen in Trance tatsächlich nicht als eigene, sondern als fremdgesteuerte verarbeitet.

Dabei weiß man mittlerweile aber auch: Unter Hypnose sind die körpermotorischen Hirnareale nicht abgekoppelt wie im Schlaf, wenngleich "Hypnos" Schlaf heißt, das Hirn des Probanden befolgt also auf unbewusste Weise aktiv Bewegungsbefehle. Es arbeitet dabei nur ohne eigene kognitive Kontrollmechanismen, worauf die modernen bildgebenden Verfahren ebenfalls hindeuten.

Daher gilt die Hypnose als ein dritter Zustand neben dem wachen Bewusstsein und dem Schlaf: einer, in dem "unser Gehirn eine alternative Wirklichkeit konstruiert", erklärt Burkhard Peter, Münchner Hypnotherapeut und Autor zahlreicher Fachabhandlungen.