Historiker "Ein Atomkrieg ist noch immer möglich"

Alex Wellerstein über Atomwaffen, Coca Cola und die vergessene Angst vor einem nuklearen Angriff.

interview Von Robert Gast

Der amerikanische Wissenschaftshistoriker Alex Wellerstein erforscht die Geschichte der Atombombe. Er ist Professor am Stevens Institute of Technology in New Jersey.

Herr Professor Wellerstein, man kann sich heute im Internet anschauen, wie eine Atombombe funktioniert. Wieso ist dieses Wissen öffentlich?

Alex Wellerstein: Das ist ja kein Wissen wie das Geheimrezept von Coca-Cola, das man auf einen Zettel schreiben und in einen Safe legen kann. Atombomben basieren auf Naturgesetzen, die jeder herausfinden kann, der die nötige Laborausrüstung hat. Dennoch ist seit 1946 alles, was mit Atombomben zu tun hat, in den USA automatisch ein Staatsgeheimnis. Das gilt für keine andere Waffentechnologie.

Wie kamen die Pläne der Bombe dann trotzdem in die Welt?

Die Sowjetunion hat Spione geschickt, manchmal haben auch amerikanische Zivilisten etwas herausgefunden. Und immer wieder hat die US-Regierung Informationen freigegeben, mal mit Absicht, mal ohne. Zum Beispiel erschien schon drei Tage nach dem Atombombenabwurf über Nagasaki ein Bericht, in dem grob beschrieben wird, wie man eine Atombombe baut.

Wieso hat die Regierung ihn freigegeben?

Man wollte verhindern, dass Menschen diese Informationen um jeden Preis suchen. Mit der Zeit hat sich dann eingebürgert, dass die Regierung Informationen deklassifiziert, die ohnehin bereits in der Öffentlichkeit zirkulieren. Im Fall von Nukleartechnik kam hinzu, dass man nach dem Krieg die friedliche Nutzung der Atomenergie fördern wollte.

Und welche Geheiminformationen sind unbeabsichtigt öffentlich geworden?

Zum Beispiel die genaue Bauweise der Plutoniumbombe, die über Nagasaki abgeworfen wurde. Die grobe Funktionsweise war zwar schon bekannt, aber das detaillierte Schaubild wurde erst publik, weil es Anfang der 1950er-Jahre ein Zeuge im Prozess gegen Ethel und Julius Rosenberg verwendete. Sie wurden beschuldigt, das Geheimnis der Bombe an die Sowjets verraten zu haben. Auch der Plan für die Wasserstoffbombe kam Ende der 1970er-Jahre in einem Prozess ans Tageslicht.

Was ist dann noch so schwierig am Bau der Bombe?

Das Schwierige ist nicht, die nötigen Informationen zu kriegen. Es ist ihre Umsetzung. Vor allem, wenn man eine moderne Bombe bauen will. Es ist nach wie vor eine Herausforderung, genügend Spaltmaterial herzustellen, also Plutonium oder Uran in industriellen Anlagen stark genug anzureichern. Daher haben Leute Angst, Terroristen könnten dieses Material klauen, oder es auf dem Schwarzmarkt kaufen. Dann stünde dem Bau einer Bombe nicht mehr sehr viel im Wege.

Aber die Angst vor Atomwaffen ist längst nicht mehr so präsent wie früher, die Arsenale der Atommächte sind fast in Vergessenheit geraten.

Ich denke schon, dass ein Atomkrieg auch heute noch auf der Liste der großen Sorgen stehen sollte. Allerdings vielleicht nicht mehr an allererster Stelle. Es gibt noch immer etwas mehr als 10 000 Atombomben auf der Welt. Heute haben mehr Staaten als jemals zuvor die Bombe. Früher sind viele Leute fest davon ausgegangen, dass es eines Tages zum Atomkrieg kommt. Junge Menschen können sich das heute nicht mehr vorstellen. Meine Studenten wissen kaum noch, was Atomsprengköpfe sind. Die haben viel mehr Angst vor dem Klimawandel oder der Finanzkrise.

Wo könnte ein Konflikt zwischen Staaten aus Ihrer Sicht am ehesten eskalieren?

Die Spannungen zwischen Indien und Pakistan können einem Sorge bereiten. Pakistan sagt ganz offen: Wenn Indien eine Invasion startet, feuern wir unsere Atomraketen ab. Wenn hundert Sprengköpfe in dieser Region explodierten, würde das zwar nicht die Welt vernichten. Aber die Bomben würden Millionen Opfer fordern. Und Computersimulationen zeigen, dass es in manchen Erdregionen ein paar Grad kälter würde. Das würde zu großen Ernteausfällen führen.

Halten Sie es für denkbar, dass es eines Tages keine Atomwaffen mehr gibt? Die USA und Russland haben sich ja eigentlich zur nuklearen Abrüstung bekannt.

Die Frage ist, ob die Welt eine sicherere wäre, wenn es keine Atomwaffen mehr gibt. Wenn zum Beispiel die USA und Russland ein paar Bomben behielten, könnte das konventionelle Kriege zwischen diesen Supermächten unattraktiv machen.

Damit bliebe aber doch die Gefahr eines nuklearen Terroranschlags, und die Bedrohung durch Diktaturen wie Nordkorea.

Es läuft letztlich auf eine Abwägung hinaus. Wann wäre die Welt sicherer: Wenn es weiterhin eine kleine Zahl von Atombomben gibt? Oder wenn es keine Atomwaffen mehr gibt, dafür aber die Gefahr großer Weltkriege? Ich finde, man kann beide Standpunkte vertreten. Und ich sehe nicht, wie die Menschheit aus diesem Dilemma wieder herauskommt. Wir werden nie wieder an den Punkt zurückkehren, an dem wir sagen können: Die Welt ist sicher.