Von Markus C. Schulte von Drach

... der Grünen Gentechnik brauchen Sie Ihren Arzt nicht zu fragen. Der weiß das genauso wenig wie jene Wissenschaftler und Saatgutkonzerne, die dafür sorgen, dass immer mehr Gentech-Nahrung produziert wird.

Gentechnisch veränderte Organismen sind für die Umwelt vor allem eines: neu. Natürlich gilt dies auch für alle anderen Lebewesen, die gerade auf die Welt gekommen und nicht durch Zellteilung oder Jungernfernzeugung entstanden sind oder bei denen es sich um Klone handelt. Denn jedes Ergebnis sexueller Fortpflanzung stellt eine neue, einzigartige Kombination von Genen dar. Dazu kommen Mutationen, die dazu führen können, dass ihr Träger Eigenschaften ausbildet, die so bislang nicht existiert haben.

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Ein Versuchsfeld des AgroBioTechnikums bei Rostock. Hier wurden vergangenes Jahr gentechnisch veränderte Kartoffeln ausgebracht. (© Foto: dpa)

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Aber im Gegensatz zur genetischen Manipulation spielt hier der Zufall eine große Rolle. Dass auf einen Schlag etliche Lebewesen mit völlig neuen Eigenschaften entstehen, die ihnen einen deutlichen Überlebensvorteil bieten, ist unwahrscheinlich.

Deshalb ist die natürliche Evolution ein relativ langsamer Prozess, in dem sich Organismen und ihr Lebensraum gewissermaßen aufeinander einstellen. Anpassungen an die Umwelt sind Vorteile, die schnell zu Nachteilen werden können, wenn sich die Bedingungen verändern.

Gentechnisch veränderte Lebewesen dagegen werden gezielt mit bestimmten Eigenschaften ausgestattet. Für die Natur sind sie deshalb in weit größerem Ausmaß "neu" als Organismen, die sich auf natürlichem Wege entwickelt haben.

Freilandversuche seit 1986

Trotzdem glauben die Schöpfer gentechnisch manipulierter Lebewesen, die Wirkung auf Umwelt und Menschen zu kennen. Und sie sind sich ihrer Sache so sicher, dass bereits seit 1986 Freilandversuche mit solchen Organismen stattfinden.

Damals wurden in den USA erstmals Erdbeeren gepflanzt, die mit Hilfe eines Bakteriengens frostsicher sein sollten. Dabei war es erst sechs Jahre zuvor erstmals gelungen, fremde Gene mit Hilfe von Bakterien in Zellkulturen von Pflanzen einzuschleusen. Viel Erfahrungen gab es mit den sogenannten GMOs (genetisch modizifierte Organismen) demnach nicht.

Trotzdem statteten auch deutsche Forscher bereits 1990 Petunien mit einem Maisgen aus, beobachteten die Pflanzen ebenfalls im Freiland - und erlebten eine Überraschung: Die Blumen blühten nicht wie gewöhnlich rot, sondern weiß und weiß-rot gemustert.

Es folgten die aufsehenerregenden Versuche des britischen Forschers Arpad Pusztai, der gentechnisch mit dem Protein Lektin angereicherte Kartoffeln an Ratten verfüttert hatte. Pusztai stellte bei den Tieren Veränderungen an den inneren Organen und Schäden am Immunsystem fest.

Seine Studie wurde unter anderem von der britischen Wissenschaftler-Organisation Royal Society heftig kritisiert, Pusztai verlor sogar seinen Job am schottischen Rowett Institute. Doch von vielen Forschern erhielt er Unterstützung und seine Ergebnisse wurden 1999 in der angesehenen Fachzeitschrift The Lancet veröffentlicht.

Verlassen können wir uns demnach nicht darauf, dass Wissenschaftler genau wissen, welche Folgen die Eingriffe ins Erbgut der Organismen für diese und für die Umwelt haben.

Trotzdem gehen die Experimente unter freiem Himmel weiter. Und gentechnisch veränderte Organismen oder Produkte, die mit ihrer Hilfe hergestellt werden, sind längst auf dem Markt. Schon 1994 wurde in den USA die Anti-Matsch-Tomate "Flavr Savr" zugelassen. Und seit 1996 werden Bohnen gentechnisch veränderter Sojapflanzen in die EU importiert, wo sie zu Tierfutter und Lebensmitteln verarbeitet werden dürfen.

Immer mehr Pflanzen auf immer mehr Flächen

Fast alle Nutzpflanzen wurden bereits gentechnisch verändert, und mehr als 20 Länder bauen solche Pflanzen inzwischen im großen Stil an. Es sieht demnach nicht so aus, als könnten Gentech-Kritiker die Ausbreitung aufhalten.

Immer mehr Gentech-Pflanzen werden in immer mehr Ländern auf immer größeren Flächen kommerziell angebaut, immer mehr Gentech-Mikroorganismen zur Nahrungsmittelproduktion verwendet. In Argentinien etwa findet man kaum noch Felder mit unveränderten Sojapflanzen.

Obwohl Nestlé den Schokoriegel "Butterfinger", hergestellt aus Cornflakes aus genetisch verändertem Mais, 1999 in Deutschland nach heftiger Kritik von Verbraucherschützern wieder vom Markt nahm, kann man heute kaum noch vermeiden, Produkte zu konsumieren, die mit Hilfe der Gentechnik hergestellt wurden.

Milch- und Fleischprodukte zum Beispiel stammen häufig von Tieren, die mit gentechnisch verändertem Soja oder Mais gefüttert wurden. Auch viele Süßigkeiten und Fertiggerichte weisen zumindest Spuren von Zutaten auf, die auf Gentech-Organismen zurückgehen.

Wie zum Beispiel die Zeitschrift Ökotest im vergangen Jahr berichtete, kamen in zwei Dritteln der von ihren Fachleuten untersuchten Babynahrung für Kinder mit Kuhmilchallergie, Pulvernahrung für Sportler und Tofuprodukte genverändertes Soja vor.

Gefährlich für Mensch und Natur?

Doch wo liegen nun eigentlich die Risiken, die von gentechnisch manipulierten Organismen ausgehen können?

Zum einen befürchten Verbraucher- und Umweltschützer, dass in den Produkten Substanzen entstehen können, die kurz- oder langfristig als Gift oder Allergieauslöser wirken. Auch werden zusammen mit den künstlich eingebauten Genen häufig Antibiotika auf die Pflanzen übertragen. Das aber erhöht das Risiko von Resistenzen gegen Mittel, die dann nicht mehr zur Behandlung menschlicher Patienten taugen. Das gilt zum Beispiel für Kanamycin: Es gibt Gentech-Kartoffeln, die mit Resistenzgenen gegen dieses Antibiotikum ausgestattet wurden. Es besteht die Gefahr, dass die Widerstandsfähigkeit der Pflanzen gegen dieses Mittel auf Bakterien im Boden übertragen wird.

Da man nicht genug über die Folgen der Eingriffe weiß, befürchten manche Kritiker sogar, die Produkte könnten Krebs oder Unfruchtbarkeit auslösen.

Um die Gefahren zu überprüfen, finden regelmäßig Fütterungsversuche an Tieren statt - und bislang gibt es außer der Pusztai-Studie kaum Untersuchungen, die auf Risiken hinweisen.

Und wenn die Endprodukte eigentlich keine anderen Substanzen enthalten als auf natürlichem Wege hergestellte Nahrungsmittel, sollen sie grundsätzlich genauso ungefährlich sein.

Doch selbst manche Experten fürchten, dass die Tierversuche zu kurzfristig angelegt sind, um etwas über die Langzeitrisiken auszusagen.

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