In Deutschland muss alles perfekt sein: Mit neuen palliativen Spezialistenteams, mit mehrwöchigen Kursen für Ärzte. Ohne die Chance auf eine flächendeckende Versorgung aller sterbenden Menschen.
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Das Lebensende wird im hyperaktiven deutschen Gesundheitswesen ausgeblendet. Hier werden Krankheiten behandelt, unabhängig vom Alter, fast unabhängig von den Menschen, die sie haben. Das Persönliche der kranken Kranken bleibt auf der Strecke, die persönlichen Sorgen und Lebensziele bleiben im Dunkeln. Nicht alle Menschen wollen um jeden Preis ein paar Jahre länger leben, andere würden alles über sich ergehen lassen, um noch ein paar Monate Lebenszeit zu gewinnen.
Viele deutsche Universitäten versagen, da sie angehenden Ärzten kaum vermitteln, wie sie solche schwierigen Gespräche führen sollen. Im hektischen Krankenhausalltag ist es für ein Umdenken zu spät. Und wenn der kranke Kranke es geschafft haben sollte, zum Facharzt zu kommen, entdeckt er, dass im Wartezimmer viele gesunde Kranke sitzen, die verhindern, dass der Facharzt ihn mit seiner ganzen Kompetenz behandeln kann. Hausärzte haben ihre Hausaufgaben nicht gemacht - nämlich zu entscheiden, wer dringend weitergehender Diagnostik oder Behandlung bedarf oder wer eher das erforschende Gespräch mit dem Hausarzt braucht.
Aber auch den kranken Kranken, die zu Hause sind, geht es im deutschen Gesundheitswesen schlecht. Sie kommen mit dem Rollstuhl nicht mehr die Treppe hoch in den zweiten Stock zum Diabetologen, der Neurologe macht keine Hausbesuche. Der Hausarzt hat die Entwicklung seiner eigenen Kompetenz mit dem gelben Überweisungsschein an den Facharzt abgegeben.
Er kennt nicht mehr die Prinzipien der Insulintherapie, weiß nicht, wie er das Morphium angemessen dosieren muss, hat die Tricks der modernen Wundbehandlung nie erlernt - wenn er nicht weit draußen auf dem Lande wohnt, wo die Wege zum Facharzt so beschwerlich sind wie die zwischen norwegischen Fjorden.
Wellness, Callcenter, Kunden
Es tut sich viel im deutschen Gesundheitswesen. Krankenkassen glauben, ihren Mitgliedern mit mehr Wellness mehr Gesundheit zu schenken. Sie vertrauen auf Callcenter, um asthmakranke Mitglieder an die Einnahme ihrer Sprays zu erinnern. Bankberater machen Ärzten weiß, dass sie ohne private Dienstleistungen nicht überleben können und dass die Qualität einer Praxis verbessert wird, wenn der Kunde König ist.
Aus meiner täglichen Erfahrung als Hausarzt und 20 Jahren in einem anderen System wünsche ich mir ein Gesundheitswesen, in dem die kranken Kranken die beste Betreuung bekommen. Alle und überall. Nicht nur in Regionen, in denen viele privat versichert sind. Kranke Kranke sind oft nicht die Wunschpatienten: Sie sind zu dick, rauchen zu viel, sind arm, haben es nicht zu ausreichender Bildung geschafft, sind arbeitslos und nicht an den schönen Wellness- und Vorsorgeangeboten interessiert.
Gerade deswegen brauchen sie ein von Solidarität geprägtes Gesundheitswesen. Alle Änderungen im System müssten sich daran messen lassen. Wir brauchen ein Gesundheitswesen, in dem kranke Gesunde vor unnötiger Diagnostik und Behandlung geschützt werden. Dies kann nur geschehen, wenn Arzt und Patient innehalten, um über Ängste und Befürchtungen nachzudenken oder um die Bedeutung körperlicher Lebenserfahrungen auszuloten.
Das geht nicht in acht Minuten. Das erfordert, dass alle Ärzte den Dialog mit den Patienten üben. Bisher versagen hier die Universitäten. Wir brauchen ein Gesundheitswesen, das die gesunden Gesunden davor schützt, zu gesunden Kranken zu werden. Vorsorge- und Früherkennungsuntersuchungen dürfen nur angewendet werden, wenn ihr Nutzen wissenschaftlich erwiesen ist. Menschen dürfen nicht leichtfertig zu Patienten werden.
Jeder Mensch sollte einen Hausarzt haben, auch wenn er gesund ist - und ihn nicht aufsucht. Menschen brauchen Informationen, die sie stärken, um gewöhnliche Gesundheitsprobleme selbst zu lösen. Sie brauchen einen Hausarzt, der kein ökonomisches Interesse daran hat, dass sie jedes Quartal in seine Praxis kommen. Wenn dann noch Zeit ist, kann das Gesundheitswesen das Angebot für gesunde Kranke organisieren.
Die gesunden Kranken freuen sich auch über die Betreuung von speziell ausgebildeten Krankenschwestern oder Physiotherapeuten. Gesunde Kranke geben vielleicht auch Geld aus für Angebote, deren Wert zweifelhaft ist. Die gesunden Kranken sind das kleinste Problem - genießen aber im deutschen Gesundheitswesen die größte Aufmerksamkeit.
Eine längere Version dieses Textes ist im Deutschen Ärzteblatt erschienen.
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- Arzt und Gesellschaft Wider die seelische Krankheit Friedlosigkeit 20.05.2008
- Medizin Weibliche Heilkunst 16.04.2008
- Ärzte und Patienten Vom richtigen Zuhören 13.12.2007
(SZ vom 23./24.8.2008/beu)
Gysi und Lafontaine beim Linke-Parteitag
Die Bezahlung der Hausärzte war nicht das Ziel, das ich mit "Gewinnler" angepeilt hatte, obschon ich "100 k" selber sehr gerne hätte, selbst wenn ich dafür so wie für meine rund 26 k auch rund fünfzig bis sechzig Stunden wöchentlich Arbeiten müsste...
Gezielt war auf die "Zulieferer", die noch jedem Provinzbader einen eigenen Tomografen aufschwatzen, oft mit dem Argument, das erhöhe die bei den Kassen erzielbaren Vergütungen doch signifikant, oder auf die Referenten neuerlich unwirksamer Medikamentenmischungen, nur weil diese noch einige Jahre patentgeschützt und dadurch lukrativ sind, wofür dann wiederum auf verschiedensten Wegen die organsiert mitbetrügenden Arztpraxen an dem Rebbach beteiligt werden, Stichwort Wirksamkeitsmonitoring...
Problematisch ist meines Erachtens vor allem, dass weder alle Einnahmen aller Staatsbürger gleichmmässig zum System beitragen, noch aus dem Zwangssystem an der Basis ein anderer Ausweg als der nach oben über die Beitragsbemessungsgrenze hinaus existiert, was die Abstimmung mit den Füssen verunmöglicht.
Entweder man bekennt sich zu "solidarisch", dann müssen aber alle, auch die Gewinnler, an der Basisversorgung mitzahlen, oder man setzt auf Eigenverantwortung, dann muss ich aber das von mir verachtete System auch verlassen dürfen und gezielt als Barzahler Nachfrage generieren können nach dem was mir hilft...
Die lautstärkste Lobby unter den Patenten sind eben nicht die Kranken, sondern die "kranken Gesunden", die eine Krankheit lediglich befürchten.
Gerade enki_muc ist ein wunderbares Beispiel: Er beschwert sich hier lautstark über das mangelnde Interesse der Mediziner an Patienten, denen gar nichts fehlt, bzw. deren Kompetenz, eine nicht vorhandene Krankheit (oder eine harmlose, z. B. Schnupfen) zu heilen.
Gottseidank gibt es da inzwischen genügend Alternativen, die sich auf die ganzheitliche Heilung nicht vorhandener Krankheiten spezialisiert haben (bei tatsächlich vorhandenen gestaltet sich das schwieriger, siehe das Beispiel mit der Blutvergiftung).
Nun stehen aber die Ärzte mit diesen Wunderheilern in Konkurrenz, und möchten die "kranken Gesunden" auch nicht als Patienten verlieren, und verschreiben Medikamente, die sie nicht unbedingt für sinnvoll halten, bzw. überweisen Patienten für Untersuchungen, die nicht nötig sind.
Andererseits ... lieber so, als dass ich dem Urteil meines Hausarztes ausgeliefert bin.
dass Mediziner nicht die Wohlfahrt oder keine Pfarrer sind. Allerdings erwarte ich so etwas auch nicht von einem Mediziner, genausowenig, dass er sich um mein soziales Umfeld kümmert...
Bedenklich finde ich aber, dass Sie der Meinung sind, Ethik sei etwas, was der Mediziner seinem Patienten nicht schulden würde??? Erinnert mich an Statements eines früheren Mitstudenten, dessen Vater eine Kurklinik leitete und der ausser seiner zukünftigen Karriere = Einkommen, keine andere Handlungsmaxime kannte (darum studierte er sicherheitshalber auch noch Jura, um für alle Fälle des Lebens finanziell gewappnet zu sein). Heute ist er Arzt und ich würde den Teufel tun, mich von ihm "behandeln" zu lassen!
Ich bin kein Mediziner aber ich tue - im Rahmen der hier so oft verlachten kosmischen Gesetze - das was mir möglich ist, um meinen Mitmenschen gegenüber im Denken, Reden und Handeln ethisches Verhalten an den Tag zu legen.
Wenn Sie von Professionalität sprechen, wie definieren Sie diese?
Halten Sie es als Mediziner für professionell, was heutzutage in den Allgemeinpraxen mit dem Patienten nach der üblichen Kurzdiagnose getrieben wird? Er bekommt in der Regel ein m. o. w. wirksames Medikament verschrieben, das die offensichtlichsten Symptome kaschiert, geheilt wird er mangels tieferer Erkenntnis über die Ursache seiner Beschwerden jedenfalls nicht. Wäre auch zu schade, denn falls er wirklich gesund werden sollte, kommt er ja nicht so schnell wieder. Im gewissen Sinne ist das schon "professionell", da muss ich Ihnen recht geben.
Ich finde der Autor hat Recht und Unrecht zugleich. Wenn sich der Hausarzt um die Klassifizierung der Patienten und Überweisung zum Facharzt kümmern müsste und alleine von den Kopfpauschalen leben könnte, so wäre mehr Zeit bei Fachärzten für die wirklich Kranken da. Andererseits wird in diesem Fall ein schlechter bzw. falsch diagnostizierender Hausarzt zu einem nicht vermeidbaren Gesundheitsrisiko.
"Doch ohne erst einmal verstanden zu haben, warum die Situation heute exakt genau so ist, wie die selbstbereichernden Gewinnler sie immer gerne haben wollten, ist an eine konstruktive Veränderung nicht zu denken,"
Die Hausärzte sind die am schlechtesten verdienenden Ärzte - im Schnitt lediglich 90-100k pro Jahr statt 130k wie Fachärzte. Natürlich ist den Hausärzten daran gelegen, über höhere Kopf- und Betreuungspauschalen ein gesichertes Einkommen zu erhalten und nebenbei etwas an "Punktwerten" von den Fachärzten abzuknabbern. Ich denke, dieser Aspekt wurde im Artikel mehr oder weniger deutlich herausgearbeitet.
Also, wir sind keine Medizinmänner; wir machen auch keinen Hokuspokus.
Ärzte (kurativ tätig) und Mediziner im Allgemeinen schulden keine besonder Ethik, außer Professionalität, die natürlich Intersse am Menschen, Kunden(Patien)freundlichkeit, Mitmenschlichkeit etc. beinhaltet. Aber wir sind nicht die Wohlfahrt und können auch nicht den Pfarrer oder einfach ein gutes soziales Umfeld ersetzten.
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