Gentechnik Warten auf Wundergewächse

Europa streitet über Gentechnik - Landwirte, Industrie und Verbraucher aber brauchen Orientierung.

Ein Kommentar von Daniela Kuhr

Was für eine wunderbare Vorstellung: Wüsten erblühen, die Ödnis wird fruchtbar, und Hungersnöte gehören der Vergangenheit an. Glaubt man der Gentechnik-Industrie, wird all dies eines Tages möglich sein - wenn man die Firmen nur machen, wenn man sie nur forschen ließe. Man möge sie doch bitte ihre Innovationen patentieren lassen, fordert die Wirtschaft. Und man solle sie damit Geld verdienen lassen. Doch die Politik will nicht - zumindest nicht in Europa.

Anders als in den USA, Argentinien, Brasilien oder auch China findet die Pflanzen-Gentechnik in Europa kaum Anhänger. Bislang hat die EU nur eine einzige Sorte an gentechnisch verändertem Mais zum kommerziellen Anbau zugelassen.

Doch selbst dieser erste Schritt geht einzelnen Ländern zu weit. Österreich und Ungarn etwa untersagten den Anbau, weil sie Gefahren für die Umwelt sahen - und reagierten damit genau so, wie sich Umweltschützer das auch in Deutschland wünschen. Ob die beiden Länder zu solch eigenmächtigem Handeln befugt waren oder ob sie gegen europäisches Recht verstießen, ist allerdings umstritten; an diesem Montag beraten darüber die Umweltminister der EU.

Wie auch immer das Votum ausgeht: Niemand kann ernsthaft glauben, dass sich die Debatte mit einem Ja, einem Nein oder einer Enthaltung beenden ließe. Vielmehr sollten die Minister das Treffen nutzen, um die Gentechnik-Politik in Europa grundsätzlich zu überdenken. Denn die Situation ist mittlerweile so verfahren, dass sie untragbar geworden ist - für Landwirte, für Verbraucher und für die Industrie.

Große Vorbehalte in der Bevölkerung

Dabei hatte die EU ursprünglich eine klare Richtung: Sie erließ diverse Vorschriften, um die Gentechnik in Europa möglichst gefahrlos zu befördern. Doch das Vorhaben scheiterte komplett. Noch immer muss sich jeder Bauer in seinem Umfeld rechtfertigen, wenn er Gen-Mais pflanzen will.

Die Vorbehalte in der Bevölkerung sind zu groß. Kritiker halten die Gentechnik für eine unbeherrschbare Gefahr. Auch die Verbraucher lehnen gentechnisch verändertes Gemüse oder Getreide mehrheitlich ab. Die Abwehrhaltung wird gestützt durch ausbleibende Erfolgsmeldungen: Bislang wartet man vergeblich auf die Wundergewächse, die alle Probleme lösen.

Die EU-Politik ist reichlich widerspüchlich: Theoretisch gibt sie der Gentechnik seit Jahren freie Bahn. Die Praxis aber sieht anders aus. Weil Politiker die Ablehnung der Bürger durchaus wahrnehmen, haben sie seit dieser einen Sorte Mais vor zehn Jahren keine einzige Pflanze mehr für den kommerziellen Anbau zugelassen - und das, obwohl die zuständigen Wissenschaftler keine Gefahren sahen. Konzerne, die im Vertrauen auf den von der EU proklamierten Kurs viel Geld in die Forschung steckten, haben Milliarden Euro verloren.

Auch in Deutschland fehlt jede klare Linie. Zwar gilt Bundeskanzlerin Angela Merkel als technologiefreundlich, und laut Koalitionsvertrag soll die Gentechnik befördert werden. Doch Bundesagrarministerin Ilse Aigner (CSU) lebt ihren Skeptizismus offen vor.

Geht es nach ihr, soll die EU nur noch prüfen, ob eine Pflanze gefahrlos ist. Ob sie dann konkret angebaut werden darf, mögen die Regionen selbst festlegen. Das dürfte zwar mit EU-Recht kaum vereinbar sein, doch die Forderung zeigt, wie umstritten Sinn und Unsinn der Gentechnik selbst in der deutschen Bundesregierung sind. Wie verunsichert müssen sich dann erst die Verbraucher fühlen?

Die EU kann sich daher nicht länger vor einer Grundsatzdebatte drücken. Sie muss eine Frage klar beantworten: Bleibt es dabei, dass die Gentechnik für Europa eine Zukunftstechnologie ist? Wenn ja, dann ist ein geordnetes Zulassungsverfahren dringend vonnöten- unabhängig, kritisch, über jeden Zweifel erhaben. Wenn nein, dann müssen Politiker einen Schlussstrich ziehen, gegen alle Widerstände der Wirtschaft.