Genealogie des Rindes Das Rätsel der Urkuh

Forscher wollen herausgefunden haben, dass das Hausrind nicht wie lange angenommen vom Auerochsen abstammt: Vielmehr komme der Urahn aller europäischen Rinderrassen aus dem Nahen Osten.

Von Robert Lücke

Der Auerochse muss ein Furcht einflößendes Lebewesen gewesen sein: Heutigen Schätzungen zufolge war das Tier etwa drei Meter lang, mit einer Schulterhöhe von 1,90 Metern.

Kühe

Vorfahren im Orient: Alle europäischen Rinderrassen stammen ursprünglich aus dem Nahen Osten.

(Foto: Foto: dpa)

Schon auf den Höhlenmalereien in Lascaux, die vor etwa 15.000 Jahren angefertigt wurden, sind Auerochsen zu sehen.

Zur damaligen Zeit dienten sie dem Steinzeitmenschen wohl als Fleischlieferanten. Bislang glaubte man, dass sie etwa vom Jahr 6000 vor Christi an domestiziert wurden.

Durch Zucht seien dann aus den riesigen Tieren die kleineren, einfacher zu haltenden Hausrinder entstanden, deren Milch man nutzte.

Diese Annahme war offensichtlich falsch, wie nun Wissenschaftler aus Mainz und Dublin herausgefunden haben. "Die Vorfahren unserer Hausrinder kamen mit Viehzügen über Anatolien nach Europa", sagt Ruth Bollongino vom Naturhistorischen Museum Paris, die zusammen mit Joachim Burger vom Institut für Anthropologie der Universität Mainz, Ceiridwen Edwards und Dan Bradley aus Dublin und 40 weiteren Experten Erbgut (DNS) aus Skeletten von Auerochsen untersuchte.

Die Ergebnisse verglichen die Forscher mit der DNS prähistorischer, europäischer Hausrinder. Das Resultat, das Anfang Juni im Wissenschaftsjournal Proceedings of the Royal Society (Bd.274, S.1377, 2007) veröffentlicht wird, war verblüffend: "Es gibt keine genetischen Verbindungen zwischen Auerochsen und den domestizierten Rindern, die zur selben Zeit in Europa lebten, sehr wohl aber Übereinstimmungen mit halbwilden oder bereits ganz domestizierten vorderasiatischen Rindern", sagt Ruth Bollongino.

Viehzug aus dem Nahen Osten

Wie aus den Höhlenmalereien ersichtlich, muss der Auerochse einst weit verbreitet und recht häufig gewesen sein. Doch als während der Eiszeit vor etwa 16.000 Jahren die Erdoberfläche Euro-pas zunehmend von Gletschern überzogen wurde, ging die Zahl der Auerochsen offenbar zurück. Nach der Eiszeit breitete er sich wieder aus, wie Funde etwa 11.000 Jahre alter Knochen in weiten Teilen Europas beweisen. Nur im nördlichen Skandinavien, dem Norden Russlands und in Irland fehlte der Auerochse.

An einigen Stellen wurden jedoch Knochen von Rindern gefunden, deren Erbsubstanz eindeutig nicht dem Auerochsen zuzuordnen ist. Diese Knochen stammen aus einem Zeitraum vor etwa 8500 Jahren. Doch woher kamen diese Tiere?

"Alleine können die Viehherden nicht nach Europa gekommen sein. Es gab zwei Zugwege mit dem Menschen. Der eine führte durch die heutige Türkei, über den Bosporus und Thrakien und den Balkan nach Mitteleuropa, der zweite, westmediterrane, über griechische und italienische Inseln Richtung Nordwesten", sagt Bollongino. Etwa auf Höhe des Rheins hätten sich diese Züge in der Bronzezeit getroffen.

Von anderen Nutztieren wie Ziegen und Schafen ist seit längerem bekannt, dass sie aus dem Nahen Osten und aus Vorderasien nach Europa gebracht wurden. Nachzuweisen, dass auch die europäischen Hausrinder aus diesen Regionen stammen, war bislang nicht möglich gewesen. Entsprechend alte Skelette von Rindern aus den heißen Wüstenregionen waren sehr schlecht erhalten, so dass aus ihnen keine Vergleichs-DNS gewonnen werden konnte. Nach jahrelangen intensiven Versuchen ist es den beiden Teams aus Dublin und Mainz nun doch gelungen. "Wir haben die Methoden verfeinert", sagt Bollongino.

Alle Rinder kamen aus dem Nahen Osten

Außerdem haben die Wissenschaftler an anderen Stellen in ganz Europa und dem Nahen Osten nach brauchbaren Rinderknochen gesucht. In Anatolien und Syrien wurden sie fündig. Ihre Untersuchung weist nun nach, dass alle heutigen europäischen Rinderrassen ihren Ursprung dort haben: Ihre Vorfahren wurden aufgrund der genetischen Analysen eindeutig in dieser Region lokalisiert.

Egal, ob es sich um Schwarzbunte, Fleckvieh oder schottisches Hochlandrind handelt: Alle Rinder kamen aus dem Nahen Osten nach Europa. Binnen weniger Generationen breiteten sich die im Vergleich zum wilden Auerochsen wesentlich brauchbareren Tiere über ganz Mitteleuropa aus.

Sie lebten auf den Höfen der Bevölkerung; zu Kreuzungen mit wilden Auerochsen kam es nach Ansicht der Autoren der Studie nicht. "Die Tiere wurden wohl damals in Gehegen gehalten. Es kam zwar zu Paarungsversuchen von Auerochsen-Stieren mit Hausrind-Kühen, aber es sind keine Nachfahren bekannt geworden, die sich durchgesetzt haben", sagt Bollongino.

Ein weiteres Ergebnis der Untersuchung ist, dass die Intensität der Viehzucht im frühen Neolithikum wesentlich höher war als bisher gedacht. Der Auerochse starb dagegen vor 400 Jahren aus, und heute versuchen Biologen, ihn mit aufwändigen Rückkreuzungen erneut zu züchten.