Gefühle Der Geruch der Angst

Angst ist ansteckend. Wenn wir den Angstschweiß anderer Menschen riechen, löst dies bei uns unbewusst Alarmbereitschaft aus.

Von Hanno Charisius

Wer im Angesicht eines erschrockenen Menschen nicht unweigerlich selbst Furcht verspürt, hat entweder ein Herz aus Stein oder eine verstopfte Nase. Menschen können nämlich Angst riechen.

Wem der Angstschweiß ausbricht, der versetzt auch andere in Alarmzustand.

(Foto: Foto: dpa)

Der Geruch lässt sich zwar nicht beschreiben, löst aber doch unbewusst Alarmbereitschaft aus - er wirkt ansteckend. Das legen Ergebnisse von Lilianne Mujica-Parodi nahe, die Probanden am Schweiß von Menschen riechen ließ, die Angst hatten.

Die Forscherin von der State University of New York klemmte 144 Freiwilligen kurz vor einem Fallschirmsprung aus vier Kilometern Höhe Wattestücke unter die Achseln. An dem darin gesammelten Angstschweiß mussten später Probanden riechen, die in einen Kernspintomografen steckten.

Deutlich zeigte sich bei der Untersuchung, dass der Geruch das Furchtzentrum im Gehirn, die sogenannte Amygdala aktivierte. Bei Geruch von Schweiß, der Sportlern auf einem Laufband abgenommen wurde, reagierte diese Hirnregion hingegen nicht.

Die Untersuchung bestätigt ältere Beobachtungen, wonach der Geruch von Angstschweiß das Verhalten von Menschen verändert. Mit der Witterung von Angst in der Nase erhöht sich die Konzentrationsfähigkeit, Schreckreflexe beschleunigen sich.

Zugleich sinkt die Bereitschaft, an Positives zu denken, wie die Düsseldorfer Psychologin Bettina Pause herausfand, als sie ihren Probanden Schweißproben zu riechen gab, die sie zuvor bei Studenten abgenommen hatte, die im Prüfungsstress waren.

Bislang sind die Daten von Mujica-Parodi nur auf einem Internetserver für Vorabdrucke von wissenschaftlichen Aufsätzen zu finden. In einem begutachteten Fachjournal sind sie noch nicht veröffentlicht.

Doch Bettina Pause hat in Studien vergleichbare Resultate erzielt. "Die Experimente bestätigen die Hypothese, nach der auch Menschen chemosensorisch kommunizieren", erklärt Pause. "Warum auch sollten ausgerechnet wir das nicht tun, wenn es doch alle verwandten Tierarten machen."

Seit die amerikanische Psychologin Martha McClintock im Frühjahr 1998 experimentell gezeigt hat, dass Stoffe im Schweiß von Frauen dafür verantwortlich sind, dass sich die Menstruationszyklen zusammen lebender Frauen mit der Zeit synchronisieren, zweifelt kaum ein Forscher noch daran, dass auch Menschen über Geruchsstoffe Informationen austauschen.

Unklar ist aber, was die Botenstoffe dieser Chemo-Kommunikation sind. Im Verdacht stehen die berüchtigten Pheromone: stark flüchtige, hormonartige Substanzen, die zum Beispiel auch Kellerasseln für die Kommunikation verwenden.

Allerdings ist es noch niemandem gelungen ein menschliches Pheromon zu isolieren. Statt auf eine Substanz, die eine typische Reaktion auslöst wie bei Insekten, könnte der Mensch auf eine Mischung von Gerüchen anspringen. Das könnten etwa Abbauprodukte von Stress-Botenstoffen sein, die über die Haut ausdünsten.

Fest steht aber, dass der Geruch von Angst für die meisten Menschen nicht bewusst von stressfreiem Sportlerdunst zu unterscheiden ist, auch das haben die Studien gezeigt. Die Wahrnehmung der fremden Emotion findet offenbar unbewusst statt und bewirkt unwillkürliche Verhaltensänderungen, wie sie Pause gemessen hat. "Empfindliche Nasen können in den Versuchen zwar erkennen, dass es sich um verschiedene Gerüche handelt. Sie können aber nicht sagen, dass die eine Probe nach Angst riecht."

Zurzeit untersucht Bettina Pause, ob Menschen auch Dominanz und Aggression über die Nase wahrnehmen können. Glück allerdings scheint geruchlos zu sein und leider auch nicht so ansteckend wie Angst.